Rechtsprechung

PraktikaSieg über Lohnwucher

Die gängige Praxis, Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) unter dem Deckmäntelchen der beruflichen Fortbildung unentgeltlich arbeiten zu lassen, ist sittenwidrig. Betroffene können nachträglich eine Vergütung verlangen. Das hat das LAG Hamm entschieden.

Der Fall:

Eine psychiatrische Klinik hatte eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Ausbildung ein Jahr lang unentgeltlich beschäftigt.

Hintergrund ist, dass angehende psychologische Psychotherapeuten praktische Erfahrungen in einer Klinik sammeln müssen. Die Klinik kann für diesen festen Ausbildungsbestandteil eine Vergütung oder Aufwandsentschädigung zahlen, muss dies aber nicht. Im vorliegenden Fall beschäftigte man die junge Frau ohne Bezahlung.

Sie empfand dies als Ausbeutung und klagte auf nachträgliche Honorierung ihrer Arbeit.

Das Urteil
:

Das Landesarbeitsgericht (LAG) Hamm sprach ihr nun eine monatliche Vergütung von 1000 Euro zu. Die unentgeltliche Beschäftigung sei sittenwidrig gewesen.

Die Richter haben dem unterlegenen Klinikum allerdings die Möglichkeit eingeräumt, Revision einzulegen. Sofern dies geschieht, müsste das Bundesarbeitsgericht (BAG) abschließend entscheiden. Bis dahin bleibt das arbeitnehmerfreundliche Urteil des LAG Hamm der Präzedenzfall für ähnlich gelagerte Fälle.

Gut zu wissen:

Bereits im Oktober hatte das Arbeitsgericht Hamburg einer "Praktikantin" in einem ähnlichen Fall Recht gegeben und eine psychotherapeutische Klinik zur nachträglichen Zahlung des regulären Tariflohns verurteilt (ArbG Hamburg, Urteil vom 16.10.2012 – 21 Ca 43/12).

Auch hier hatte nach Ansicht der Richter kein Praktikum, sondern ein Arbeitsverhältnis vorgelegen. Der Ausbildungszweck habe eindeutig im Hintergrund gestanden.

Quelle:

LAG Hamm, Urteil vom 29.11.2012
Aktenzeichen: 11 Sa 74/12
PM des Verbandes Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im BDP e.V. (VPP) vom 15.12.2012

© arbeitsrecht.de - (jes)

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