Rechtsprechung

AltersdiskriminierungBewerberprofil darf an zeitnahen Studienabschluss geknüpft werden

Ein Arbeitgeber, der ein Trainee-Programm für Berufseinsteiger ausschreibt, kann als Anforderungskriterium einen höchstens ein Jahr zurückliegenden Studienabschluss fordern, ohne dadurch andere Bewerber wegen des Alters in unzulässiger Weise zu diskriminieren.

Die Beklagte - ein Versicherungsunternehmen – schrieb im Jahr 2009 mehrere Stellen für ein auf ein Jahr befristetes Trainee-Programm u.a. in der Fachrichtung Jura aus. Unter den Anforderungskriterien benennt die Ausschreibung u.a.:
"einen sehr guten Hochschulabschluss in einer der oben genannten Fachrichtungen, der nicht länger als 1 Jahr zurück liegt oder innerhalb der nächsten Monate erfolgt (…)."

Der Kläger ist seit dem Jahr 2001 Volljurist und überwiegend als selbstständiger Rechtsanwalt tätig. Er bewarb sich auf die Stelle, erhielt aber eine Absage. Die Beklagte besetzte die Trainee-Stellen im Fach Rechtswissenschaften mit vier weiblichen Bewerberinnen.

Mit seiner Klage macht der Kläger Ansprüche wegen Altersdiskriminierung und einer Diskriminierung wegen des Geschlechts geltend.

Das Hessische LAG hat – ebenso wie die Vorinstanz - die Klage abgewiesen und dies damit begründet, dass weder ein Anspruch auf Abgabe einer Unterlassungserklärung noch ein Zahlungsanspruch bestünde.

Zwar ist die Stellenausschreibung mittelbar diskriminierend, da die Altersgruppe derer, deren Hochschulausbildung schon länger zurückliegt und die regelmäßig über 30 Jahre alt sind, benachteiligt wird. Diese Diskriminierung ist jedoch durch ein rechtmäßiges Ziel gerechtfertigt. Die Suche nach einem Berufsanfänger oder einem abschlussnahen Berufseinsteiger ist im vorliegenden Fall zulässig, da die Beklagte ein legitimes Interesse daran habe, Menschen einzustellen, die berufspraktisch unerfahren sind, um ihnen die auf die Arbeit bei der Beklagten zugeschnittenen praktischen Fähigkeiten zu vermitteln. Dieses Ziel ist auch bereits in der Stellenausschreibung angelegt, eine weitere Darlegung des Anforderungsprofils ist nicht erforderlich gewesen.

Auch von einer Diskriminierung wegen des Geschlechts kann nicht ausgegangen werden. Allein aus der Tatsache, dass die Beklagte für die ausgeschriebenen Trainee-Stellen vier Frauen eingestellt hat, kann keine solche Schlussfolgerung gezogen werden.

Zwar können grundsätzlich Statistiken Indizien für eine geschlechtsbezogene Diskriminierung ergeben. Eine Vermutung für ein diskriminierendes Verhalten des Arbeitgebers kann sich aus statistischen Daten aber nur dann ergeben, wenn sie sich konkret auf den betreffenden Arbeitgeber beziehen und im Hinblick auf dessen Verhalten aussagekräftig sind. Letzteres ist hier nicht der Fall.

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Quelle:

Hess. LAG, Urteil vom 16.01.2012
Aktenzeichen: 7 Sa 615/11
Bund-online

© arbeitsrecht.de - (ts)

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