Rechtsprechung

Konkurrenz bei TarifverträgenStreit um Höhe des Weihnachtsgeldes

Eine Krankenhausholding muss ihren Beschäftigten Weihnachtsgeld nachzahlen. Bei gesellschaftsrechtlichen Veränderungen wurden ehemals kommunale Kliniken integriert. Dabei kam es zu Streitigkeiten wegen der Sonderzuwendungen, deren Höhe von den jeweils anzuwendenden Tarifverträgen abhing.

Seit 2007 streiten sich – mit unterschiedlichen Fallkonstellationen – viele Beschäftigte einer in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern agierenden Krankenhausholding um die Höhe des Weihnachtsgeldes. Dem Konzern gehören diverse unterschiedliche Klinikbetreiber als Tochtergesellschaften an, so auch die hier auf Zahlung von höherem Weihnachtsgeld verklagten Arbeitgeber. Vor den gesellschaftsrechtlichen Veränderungen und der Entstehung der Holding waren viele dieser Krankenhäuser, da kommunal betrieben, an die Tarifverträge des öffentlichen Dienstes gebunden. Andere der heutigen Tochtergesellschaften wandten den BAT über arbeitsvertragliche Vereinbarungen an. Den Beschäftigten wurden einheitlich die Sonderzuwendungen des öffentlichen Dienstes nach dem Tarifwerk BAT, später dem TVöD gezahlt. Die Anwendung des BAT ist auch in den streitigen Arbeitsver-trägen aller Klägerinnen und Kläger ausdrücklich vereinbart, die alle nach dem 01.01.2002 geschlossen wurden.

Mit Datum vom 25.3.2007 schlossen die Gewerkschaften Ver.di und NGG mit der Krankenhausholding einen eigenen Sonderzuwendungstarif als Haustarifvertrag ab. Danach erhalten die Arbeitnehmer mit Wirkung ab 2007 für jedes Wirtschaftsjahr eine vom Betriebsergebnis abhängige Sonderzahlung auf Basis eines bestimmten Faktors. Für die Mitglieder der Gewerkschaften Ver.di und NGG ergeben sich gegenüber den übrigen Arbeitnehmern außerdem jeweils höhere Faktoren. Die nicht gewerkschaftlich organisierten Klägerinnen und Kläger erhielten in Anwendung des Haustarifvertrages für die unterschiedlich eingeklagten Zeiträume 2007 bis 2009 teils weniger als die Hälfte der BAT/ TVöD-Ansprüche. Gestritten wird jetzt um die Differenz.

Das Landesarbeitsgericht hat, wie schon zuvor das Arbeitsgericht Flensburg, den  Zahlungsklagen stattgegeben. Es handelte sich jeweils um nach der sogenannten Schuldrechtsreform vom 01.01.2002 abgeschlossene "Neuverträge", die wegen dieser Gesetzesänderung und dem dort neu gestalteten Transparenzgebot eng am Wortlaut orientiert auszulegen waren. Das LAG erklärte, dass die ab dem 01.01.2002 abgeschlossenen Arbeitsverträge mit den nicht gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten nicht durch die ungünstigeren Hausverträge verdrängt werden. Anderes gelte nur, wenn es für eine gewollte Verdrängung konkrete Anhaltspunkte im Arbeitsvertrag gibt. Das sei durch Auslegung festzustellen. Den vorliegenden Verträgen konnten jedoch keine Anhaltspunkte entnommen werden, dass der konkret genannte Flächentarifvertrag BAT durch spätere, an sich sachnähere Haustarife verdrängt werden sollte.

In allen Rechtsstreitigkeiten ist die Revision zugelassen worden. Die Rechtsmittelfrist läuft noch.

Quelle:

LAG Schleswig-Holstein, Urteil vom 21.03.2012
Aktenzeichen: 3 Sa 230/11, 6 Sa 232/11, 6 Sa 228/11
PM des LAG Schleswig-Holstein Nr. 4/2012 vom 23.4.2012

© arbeitsrecht.de - (akr)

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