Rechtsprechung

Arbeitszimmer oder Betriebsstätte?

Das Finanzgericht Düsseldorf hat sich mit den Kriterien für die steuerliche Absetzbarkeit von Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer befasst. Bildet es den Mittelpunkt der gesamten beruflichen Tätigkeit, können Aufwendungen dafür unbeschränkt steuerlich in Abzug gebracht werden.

Die klagenden Eheleute hatten in ihrer Einkommensteuererklärung für das Jahr 2008 Aufwendungen für das Arbeitszimmer der Frau in Höhe von 1.722 Euro als Werbungskosten bei den Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit geltend gemacht. Das Finanzamt ließ die Aufwendungen im Einkommensteuerbescheid vom 27. März 2009 unter Hinweis darauf unberücksichtigt, dass das Arbeitszimmer nicht den Mittelpunkt der gesamten beruflichen Tätigkeit der Klägerin im Sinne von § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b EStG in der Fassung des Steueränderungsgesetzes 2007 darstelle. Der Ehemann arbeitet als freier Journalist. Die Frau ist als Diplom-Bauingenieurin nichtselbständig für ein Unternehmen tätig und betreut als Außendienstmitarbeiterin ein Verkaufsgebiet.

Nach erfolglosem Vorgehen gegen den Steuerbescheid hat das Ehepaar Klage vor dem Finanzgericht (FG) Düsseldorf erhoben.

Der Einkommensteueränderungsbescheid für das Jahr 2008 vom 22. September 2010 ist rechtswidrig soweit die Arbeitszimmeraufwendungen nur im Umfang von 1.250 Euro als Werbungskosten bei ihren Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit (§ 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG) berücksichtigt worden sind. (§ 100 Abs. 1 Satz 1 FGO). Die Aufwendungen sind in voller Höhe von 1.722 Euro abzugsfähig.

Gemäß § 9 Abs. 5 Satz 1 in Verbindung mit § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b Satz 1 EStG in der Fassung des JStG 2010 vom 8. Dezember 2010 dürfen Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer sowie die Kosten der Ausstattung den Gewinn nicht mindern. Dies gilt nicht, wenn für die betriebliche oder berufliche Tätigkeit kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung steht. In diesem Fall wird die Höhe der abziehbaren Aufwendungen auf 1.250 Euro begrenzt. Die Beschränkung der Höhe nach gilt nicht, wenn das Arbeitszimmer den Mittelpunkt der gesamten betrieblichen und beruflichen Betätigung bildet. Diese auf den Beschluss des BVerfG vom 6. Juli 2010 (Aktenzeichen 2 BvL 13/09) zurückgehende gesetzliche Neuregelung gilt rückwirkend ab dem Veranlagungszeitraum 2007 und damit auch für das Streitjahr. Die Klägerin kann ihre Arbeitszimmeraufwendungen unbeschränkt abziehen, da ihr häusliches Arbeitszimmer den Mittelpunkt ihrer gesamten betrieblichen und beruflichen Betätigung darstellt.

Der Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs (BFH) zufolge erfasst die Abzugsbeschränkung das häusliche Büro, also einen Arbeitsraum, der seiner Lage, Funktion und Ausstattung nach in die häusliche Sphäre des Steuerpflichtigen eingebunden ist und vorwiegend der Erledigung gedanklicher, schriftlicher oder verwaltungstechnischer Arbeiten dient. Der BFH hat den Begriff abgegrenzt von betriebsstättenähnlichen Räumen im Wohnungsbereich. Anhand der konkreten tatsächlichen Verhältnisse ist zu entscheiden, ob der Raum dem Typus "häusliches Arbeitsbüro" oder dem Typus "häusliche Betriebsstätte" entspricht. Dabei kann die maschinelle Ausstattung ebenso eine Rolle spielen wie die Beschäftigung von Angestellten oder Publikumsverkehr sowie die Größe des Raumes.

Nach diesen Grundsätzen ist der von der Klägerin genutzte Raum im Wohnhaus als Arbeitszimmer anzusehen, da er büromäßig genutzt wird und mit Büromöbeln ausgestattet ist. Es handelt sich zudem um ein häusliches Arbeitszimmer, da es in die häusliche Sphäre der Kläger eingebunden ist. Entgegen der Auffassung der Kläger kann das Arbeitszimmer nicht als betriebsstättenähnlicher Raum qualifiziert werden. Für die Qualifikation als Betriebsstätte reicht die Ausstattung des Raumes mit Kommunikations- und Arbeitsgeräten durch die Arbeitgeberin der Klägerin, die Kenntlichmachung des Arbeitszimmers als Außendienstbüro der Firma durch Werbeschild und Briefkasten sowie die Tatsache, dass die Arbeitgeberin die Klägerin arbeitsvertraglich dazu verpflichtet hat, ein Arbeitszimmer vorzuhalten, nicht aus.

Daran ändern auch gelegentliche Besprechungen im Arbeitszimmer nichts. Zwar kann ein Büro im selbst genutzten Einfamilienhaus aus dem Anwendungsbereich des § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b EStG herausfallen, wenn aufgrund besonderer Umstände des Einzelfalles die Einbindung des Büros in die häusliche Sphäre aufgehoben oder überlagert wird. Derartige Gründe sind allerdings nicht schon deshalb gegeben, weil ein Steuerpflichtiger einen von ihm genutzten Raum gelegentlich für Gespräche nutzt, sondern nur dann, wenn die funktionale Büroeinheit auch von dritten, nicht familien- und haushaltszugehörigen Personen genutzt wird.

Das häusliche Arbeitszimmer ist allerdings als Mittelpunkt der gesamten beruflichen Tätigkeit der Klägerin anzusehen. Nach der BFH-Rechtsprechung bestimmt sich der Mittelpunkt im Sinne des § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6 b EStG nach dem inhaltlichen (qualitativen) Schwerpunkt der betrieblichen und beruflichen Betätigung eines Steuerpflichtigen. Im Rahmen einer Wertung der Gesamtumstände kommt dem zeitlichen (quantitativen) Umfang der Nutzung des häuslichen Arbeitszimmers lediglich eine indizielle Bedeutung zu.

Im Streitfall stellt das Arbeitszimmer der Klägerin ihren qualitativen Tätigkeitsmittelpunkt dar. Der Mittelpunkt ihrer beruflichen Betätigung liegt nicht im Außendienst. Obwohl die Klägerin als Außendienstmitarbeiterin eingestellt worden war und sie unter anderem für die Betreuung und fachliche Beratung von Kunden - Planungsbüros und Gemeinden - und den Verkauf zuständig ist, hat das Gericht eine klassische Außendiensttätigkeit verneint. Die Klägerin verkaufe nicht nur Pumpen "von der Stange". Sie verkaufe auch eine Ingenieursleistung und trete als Beraterin auf. Die Tätigkeit der Klägerin gehe somit über die Tätigkeit eines Verkäufers im Außendienst hinaus.
Nach der schlüssigen Schilderung der Klägerin in der mündlichen Verhandlung entfällt dementsprechend nur etwa ein Drittel der Arbeitszeit, die sie für ein Standardprojekt aufwendet, auf die Besprechung beim Kunden vor Ort. Die übrigen zwei Drittel der Arbeitszeit sind der weiteren Projektplanung, Begleitung von Ausschreibungen sowie Projektnachbereitung geschuldet. Diese Tätigkeiten übt sie im häuslichen Arbeitszimmer aus. Der Abwicklung der Projekte im häuslichen Arbeitszimmer kommt in qualitativer Hinsicht ein größeres Gewicht zu als der Präsenz beim Kunden vor Ort.

Die Revision hat das Gericht nicht zugelassen.

Quelle:

FG Düssledorf, Urteil vom 05.05.2011
Aktenzeichen: 11 K 2591/09 E
Landesrechtsprechungsdatenbank Nordrhein-Westfalen

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