Rechtsprechung
Diskriminierung durch Staffelung der Urlaubstage nach Altersgruppen
Hängt die Zahl der Urlaubstage mit dem Alter des Arbeitnehmers zusammen, ist das als unmittelbare Diskriminierung zu beurteilen. Laut einem Urteil des Arbeitsgerichts Wesel werden jüngere Arbeitnehmer für einen bestimmten Zeitraum schlechter gestellt als ältere.
Eine 23-jährige Kassiererin fühlte sich durch die Vorschrift im Manteltarifvertrag für den Einzelhandel in Nordrhein-Westfalen (MTV) vom 25.07.2008 benachteiligt. § 15 MTV enthält eine Staffelung der Urlaubstage nach Altersgruppen zwischen 30 und 36 Tagen. Aus Sicht der Arbeitnehmerin eine Diskriminierung und ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG).
Das Arbeitsgericht Wesel gab der Kassiererin Recht. Die Tarifnorm sei eine Benachteiligung gemäß § 3 Abs. 1 AGG. Soweit der Arbeitgeber davon ausgehe, dass keine Schlechterstellung anzunehmen sei, weil der MTV einen höheren Urlaubsanspruch als das Bundesurlaubsgesetz (BUrlG) gewähre und daher tatsächlich eine Besserstellung bereithalte, ziehe er einen falschen Vergleichsrahmen. Ob eine Schlechterstellung vorliegt, kann sich nur durch einen Vergleich mit Arbeitnehmern ergeben, die wie die Klägerin unter den Anwendungsbereich des MTV Einzelhandel fallen, lautet die Begründung des Arbeitsgerichts. Nur für diese sei der Urlaubsanspruch aufgrund der Regelung im Tarifvertrag gestaffelt. Ein Vergleich zwischen Arbeitnehmern, auf die der MTV Einzelhandel Anwendung findet, und Arbeitnehmern, denen lediglich der gesetzliche Urlaubsanspruch zusteht, sei nicht vorzunehmen.
Das Argument des Arbeitgebers, irgendwann würde jeder unter den MTV fallende Arbeitnehmer in den Genuss von mehr Urlaubstagen kommen, ließ das Gericht nicht gelten. Für einen bestimmten Zeitraum würden jüngere Arbeitnehmer im Vergleich zu älteren ungleich behandelt. Für diesen Zeitraum sei die Ungleichbehandlung festzustellen und deren Rechtmäßigkeit zu beurteilen:
Das Bundesarbeitsgericht habe bislang Urlaubsstaffeln auch für jüngere Lebensjahre ohne konkrete Begründung für zulässig gehalten. Dieser Einschätzung wollte das Arbeitsgericht in Wesel jedoch nicht folgen. Zwar könne eine Ungleichbehandlung durch ein legitimes Ziel gerechtfertigt sein (§ 10 S. 1 AGG) und die Regelung im MTV die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Ehe und Lebenspartnerschaft möglicherweise unterstützen – was die Kammer bezweifelte. Das Ziel der gewählten Altersstruktur müsse jedoch anhand von objektiven Faktoren nachvollziehbar gemacht werden, die nichts mit der Diskriminierung aufgrund des Lebensalters zu tun haben, wenn es nicht auf einem nachvollziehbaren Erfahrungssatz oder sonstigen möglicherweise beachtenswerten öffentlich-rechtlichen Vorschriften beruht (EuGH vom 20.03.2003, Az.: C-187/00).
Es gebe keine Anhaltspunkte und keinen Erfahrungssatz, dass die Familienplanung oder die Gründung eines eigenen Hausstandes mit dem 20. Lebensjahr eine erste Entwicklungsstufe bei der Mehrzahl der Beschäftigten im Einzelhandel erreicht hätte und weitere Entwicklungsstufen mit dem 23. und dem 30. Lebensjahr erreicht werden und zudem danach abgeschlossen sind, so dass es weiterer Staffelungen nicht bedarf. Die Altersstaffelung sei willkürlich, entschied das Gericht, und daher diskriminierend.
Ähnliche Artikel aus Rechtsprechung
Öffentlicher DienstJüngere Beschäftigte bekommen zu wenig Urlaub
21.03.2012 | Die Staffelung der Urlaubstage in § 26 Abs. 1 Satz 2 des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVöD) verstößt gegen das Verbot der Benachteiligung wegen des Alters. Die Dauer des Urlaubs der jüngeren Beschäftigten ist nach "oben anzupassen", entschied das Bundesarbeitsgericht. [mehr]
Tarifliche Verfallvorschrift erfasst auch den gesetzlichen Urlaub
14.07.2010 | Eine tarifliche Verfallvorschrift, die vorsieht, dass Ansprüche auf Urlaub und Urlaubsabgeltung spätestens drei Monate nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses verfallen, sofern sie nicht fristgerecht geltend gemacht werden, erfasst auch den Abgeltungsanspruch für den gesetzlichen Erholungsurlaub. [mehr]
Tarifvertrag darf kein geringeres Gehalt für jüngere Arbeitnehmer regeln
03.07.2009 | Eine tarifliche Regelung, wonach sich die Höhe der Grundvergütung nach Lebensaltersstufen bemisst, ist wegen unmittelbarer Benachteiligung auf Grund des Alters nach den §§ 1 und 3 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes unwirksam. [mehr]
Ausschlussfristen für Urlaubsabgeltung
10.08.2011 | Der Anspruch auf Urlaubsabgeltung ist eine Geldforderung, auf die Ausschlussfristen aus einem Tarifvertrag anwendbar sind. Wer die Frist versäumt, verliert laut Bundesarbeitsgericht deshalb seinen Auszahlungsanspruch. [mehr]
Urlaubsgeld erst bei Gewährung des Urlaubs
25.05.2009 | Ist ein tarifliches Urlaubsgeld mit der regulären Urlaubsvergütung verknüpft, ist es erst dann zu zahlen, wenn der Arbeitnehmer auch die Urlaubsvergütung verlangen kann. [mehr]
Ähnliche Artikel aus den anderen Rubriken:
Gesetzgebung
NRW will Tariftreuegesetz beschließen
09.06.2011 | Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hat in ihrer Kabinettssitzung am 7. Juni ein Tariftreue- und Vergabegesetz beschlossen. Das Gesetz geht nun in die Anhörung der kommunalen Spitzenverbände und soll voraussichtlich am 20. Juli im Landtag eingebracht werden. [mehr]
LohndumpingBaden-Württemberg beschließt Tariftreuegesetz gegen Billiglöhne
10.05.2012 | Die grün-rote Landesregierung hat ein Tariftreuegesetz gegen Dumpinglöhne auf den Weg gebracht. Danach sollen nur noch Unternehmen Aufträge von Land und Kommunen bekommen, die Tariflöhne zahlen. [mehr]
Arbeitshilfen
Rechtslexikon: Öffnungsklausel
29.01.2010 | Gemäß § 4 Abs. 3 Tarifvertragsgesetz (TVG) sind abweichende Abmachungen vom Tarifvertrag nur zulässig, soweit sie durch den Tarifvertrag selbst gestattet sind oder eine Änderung der Regelung zugunsten des Arbeitnehmers enthalten. [mehr]
Rechtslexikon: Tarifvertrag
29.01.2010 | Der Tarifvertrag (TV) regelt die Rechte und Pflichten der Tarifvertragsparteien (schuldrechtliche Wirkung: z.B. Friedenspflicht) und enthält Rechtsnormen, die denn Inhalt, den Abschluss und die Beendigung von Arbeitsverhältnissen sowie betriebliche und betriebsverfassungsrechtliche Fragen ordnen können. [mehr]
Arbeit & Politik
Vorerst keine gesetzliche Frauenquote
31.03.2011 | Nach Beratungen zwischen Regierungsvertretern und Personalvorständen deutscher Konzerne steht fest: Die Frauenquote kommt, zunächst freiwillig. Wie viele Frauen in die Führungsetagen wandern, bestimmen die Unternehmen selbst. [mehr]
DGB: Leiharbeitsbranche muss nun mit Nachforderungen rechnen
31.05.2011 | Das Arbeitsgericht Berlin hat mit seinem aktuellen Beschluss das Equal-Pay-Prinzip gefestigt; Gewerkschaftler halten nun erhebliche Nachforderungen betroffener Leiharbeitnehmer für möglich. [mehr]
Newsletter
Urlaubsgeld (12/2000)
30.08.2000 | Auf die Urlaubsentgeltfortzahlung und die Urlaubsabgeltung hat der Arbeitnehmer grundsätzlich einen Anspruch; die gilt aber nicht für das Urlaubsgeld. [mehr]
Urlaubsregelung und Weihnachten 2001 (19/2001)
17.10.2001 | Was bei der Urlaubsplanung für Heiligabend und Silvester arbeitsrechtlich zu beachten ist, verrät der heutige Newsletter. [mehr]
Aus den Zeitschriften
Arbeit und Recht: Probleme um den Sanierungstarifvertrag
05.07.2010 | Ein Flächentarifvertrag wird nicht durch einen Haustarifvertrag verdrängt, der mit einer anderen Gewerkschaft abgeschlossen wurde. Ansonsten wäre die grundrechtlich garantierte Koalitionsfreiheit der ersten Gewerkschaft und ihrer Mitglieder beeinträchtigt. [mehr]