Rechtsprechung

Entschädigung wegen Benachteiligung einer muslimischen Bewerberin

Kirchliche Arbeitgeber dürfen Angehörige anderer Religionen im Einstellungsverfahren für "verkündungsferne" Aufgabenbereiche nicht wegen ihrer Glaubensrichtung benachteiligen.

Der beklagte Arbeitgeber ist der für Hamburg zuständige Landesverband des Diakonischen Werkes und als solcher Teil der Nordelbischen Evangelisch-lutherischen Kirche. Er hatte eine aus Mitteln des Bundes und der EU fremdfinanzierte Stelle für eine Sozialpädagogin/einen Sozialpädagogen in einem Teilprojekt "Integrationlotse Hamburg" ausgeschrieben.

In der Stellenanzeige heißt es: "Dieses Projekt ist ein Schulungs- und Informationsangebot für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Bereich der beruflichen Integration von erwachsenen Migrantinnen und Migranten". Als diakonische Einrichtung setze er die Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche voraus.

Auf diese Stellenanzeige bewarb sich die klagende Arbeitnehmerin. Sie ist Deutsche türkischer Herkunft und gehört keiner christlichen Kirche an. Auf Nachfrage des Arbeitgebers teilte die Arbeitnehmerin mit, sie sei gebürtige Muslimin, praktiziere aber keine Religion. Auf die Frage, ob sie sich den Eintritt in die Kirche vorstellen könne, teilte sie mit, sie halte dies nicht für nötig, da die Stelle keinen religiösen Bezug aufweise.

Der Arbeitgeber lehnte die Bewerberin ab. Die Arbeitnehmerin fühlt sich dadurch wegen ihrer Religion sowie mittelbar wegen ihrer ethnischen Herkunft benachteiligt und nimmt den Arbeitgeber auf Entschädigungszahlung in Anspruch.

Dies lehnt der Arbeitgeber ab und begründet dies damit, dass eine unterschiedliche Behandlung wegen der Religion gemäß § 9 Abs. 1 AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) zulässig sei, weil die christliche Religion unter Beachtung seines Selbstverständnisses sowohl im Hinblick auf sein Selbstbestimmungsrecht als auch nach Art der Tätigkeit eine gerechtfertigte berufliche Anforderung für die Mitarbeit im Diakonischen Werk darstelle.

Dieser Argumentation folgte das Arbeitsgericht Hamburg nicht und verurteilte die Arbeitgeberin zur Zahlung einer Entschädigung gemäß § 15 Abs. 2 AGG in Höhe von 3 Monatsverdiensten, weil sie die Bewerberin im Einstellungsverfahren wegen ihrer Religion benachteiligt hat.

§ 9 Abs. 1 AGG, der eine unterschiedliche Behandlung wegen der Religion oder Weltanschauung bei der Beschäftigung durch Religionsgemeinschaften in bestimmten Fällen zulässt, ist richtlinienkonform (Art. 4 Abs. 2 RL 2000/78/EG vom 27.11.2000) auszulegen.

Danach ist das Selbstverständnis einer Religionsgemeinschaft kein absoluter und abschließender Maßstab für eine unterschiedliche Behandlung. Vielmehr darf für die konkrete Tätigkeit das Selbstverständnis der Kirche nur dann eine entscheidenden Rolle spielen, wenn diese dazu in einer direkten Beziehung steht, was nicht für jegliche Tätigkeit bei der Kirche sondern nur für den sog. verkündungsnahen Bereich anzunehmen ist.

Das verfassungsrechtlich garantierte kirchliche Selbstbestimmungsrecht berechtigt den kirchlichen Arbeitgeber nicht, die Einstellung für Tätigkeiten im verkündungsfernen Bereich von der Kirchenzugehörigkeit abhängig zu machen. Dem ist hier die ausgeschriebene Stelle zuzurechnen.

Auch nach Art der Tätigkeit ist für die Stelle die Kirchenzugehörigkeit keine gerechtfertigte Anforderung. Die öffentlichen Auftritte bei Behörden, Verbänden etc., wie nach der Stellenausschreibung vorgesehen, betreffen nicht den religiösen Hintergrund des Arbeitgebers, sondern unmittelbar das Projekt "Integrationslotse". Dass und warum nur Personen mit Kirchenzugehörigkeit das Projektziel verwirklichen können, hat der Arbeitgeber nicht ausreichend darlegen können.

Außerdem spricht sowohl die umfassende Fremdfinanzierung des Projektes "Integrationslotse" als auch die dringende Empfehlung im Zuwendungsbescheid, keine den Bewerberkreis einschränkenden Vorgaben zu machen und die Auswahl der Mitarbeiter neutral durchzuführen, gegen die christliche Prägung der in Frage stehenden Stelle.

Quelle:

ArbG Hamburg, Urteil vom 04.12.2007
Aktenzeichen: 20 Ca 105/07 (n. rkr.)
PM des ArbG Hamburg v. 04.02.2008

© arbeitsrecht.de - (Redaktion arbeitsrecht.de)

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