Rechtsprechung

Beleidigung von Kollegen und Vorgesetzten kein Kündigungsgrund

Die Beleidigung von Vorgesetzten und Kollegen rechtfertigt an sich noch keine fristlose oder ordentliche Kündigung. Maßgeblich sind vielmehr die Gesamtumstände.

So könne sich bei einer heftigen Diskussion die gegenseitige Aggression derart steigern, dass auch unüberlegte Äußerungen fielen. In diesen Fällen wäre eine fristlose Kündigung unverhältnismäßig.

Die Parteien streiten um die Rechtswirksamkeit einer außerordentlich und hilfsweise ordentlich erklärten Kündigung sowie um die Weiterbeschäftigung des gekündigten Arbeitnehmers. Der 38-jährige Kläger, ist als Maschinenführer beim beklagten Baugeräteunternehmen beschäftigt.

Während einer heftigen verbalen Auseinandersetzung mit einem Arbeitskollegen beleidigte er sowohl diesen als auch den abwesenden Geschäftsführer mit sexuell anzüglichen Bemerkungen. Die Beklagte erteilte dem Kläger daraufhin wegen Beschimpfung seines Kollegen eine schriftliche Abmahnung. Darüber hinaus kündigte sie das Beschäftigungsverhältnis außerordentlich und hilfweise ordentlich zum nächsten Termin, da der Kläger den Geschäftsführer auf besonders grobe Art und Weise beleidigt habe. Die hiergegen gerichtete Kündigungsschutzklage hatte in beiden Instanzen Erfolg.

Das Arbeitsverhältnis wurde vorliegend weder durch die fristlose noch die ordentliche Kündigung rechtswirksam beendet.

Sowohl im Rahmen der rechtlichen Prüfung nach § 626 BGB als auch nach § 1 KüSchG ist die Äußerung zwar wegen ihres eindeutig sexuell anzüglichen und beleidigenden Charakters als Pflichtverletzung aufzufassen. Im Rahmen der vorzunehmenden Interessenabwägung reicht diese Pflichtverletzung - auf Grund der konkreten Einzelfallumstände - aber nicht aus, um das Beschäftigungsverhältnis zu beenden.

Die verbale Entgleisung des Klägers beruht auf dem nicht minder aggressiven Verhalten des Kollegen. Zudem muss berücksichtigt werden, dass der Kläger als gewerblicher Arbeitnehmer in einem Bereich tätig ist, in dem eine derbe Ausdrucksweise nicht unüblich ist. Das rechtfertigt zwar keine Beleidigungen, erklärt aber, warum es hier schneller zu "Grenzüberschreitungen" kommt.

Im Übrigen hatte die Beklagte das Fehlverhalten des Klägers bereits mit der Abmahnung geahndet.

Quelle:

LAG Rheinland-Pfalz, Urteil vom 28.02.2007
Aktenzeichen: 9 Sa 908/06
LAG Rheinland-Pfalz-online

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