Rechtsprechung

Kassenfehlbestand: Kündigung nur bei eindeutigen Indizien

Fehlt in der Kasse eines Betriebes Geld, so kann einem Mitarbeiter nur dann auf Verdacht gekündigt werden, wenn eindeutige Indizien vorliegen.

Der Kläger war seit 1977 bei der Beklagten in der von ihr betriebenen Waschanlage gegen einen Bruttomonatslohn in Höhe von 2.100 Euro beschäftigt. Als die Arbeitgeberin eine Differenz zwischen der Anzahl der ausgegebenen Waschmünzen und den Einnahmen festgestellt hatte, kündigte sie dem Kläger wegen des Verdachts der Unterschlagung fristlos und hilfsweise ordentlich. Der Mitarbeiter hielt dem entgegen, außer ihm hätten noch andere Menschen Zugang zu den Waschmünzen gehabt. Auch sie hätten die Münzen nehmen und beispielsweise verschenken können.

Die daraufhin erhobene Kündigungsschutzklage war in beiden Instanzen erfolgreich. Das Arbeitsverhältnis ist weder durch die außerordentliche noch die ordentliche Kündigung aufgelöst worden.

Fehlt in der Kasse eines Betriebes Geld, so kann einem Mitarbeiter nur dann auf Verdacht gekündigt werden, wenn eindeutige Indizien vorliegen. Eine Kündigung auf bloßen Verdacht hin verlangt zwar keinen vollständigen Beweis einer Straftat, aber doch zumindest aussagekräftige Indizien. Das ist nicht der Fall, wenn auch andere Menschen die Manipulation hätten vornehmen können.

Vor diesem Hintergrund ist die fristlose Kündigung unwirksam. Der Arbeitgeber hat den Hinweis des Klägers nicht widerlegt. Daher ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Differenz auch anders erklären lässt, als vom Arbeitgeber angenommen. Damit ist der für die Verdachtskündigung erforderliche Indizienbeweis nicht erbracht.

Quelle:

LAG Rheinland-Pfalz, vom 16.02.2007
Aktenzeichen: 8 Sa 724/06
LAG Rheinland-Pfalz-online

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