Rechtsprechung

Durch Selbstmorde traumatisiertem Lokführer steht Unfallfürsorge zu

Einem infolge mehrerer Dienstunfälle psychisch erkrankten Lokomotivführer sind die Kosten einer Heilkur sowie einer psychotherapeutischen Behandlung als Leistung der Unfallfürsorge zu gewähren.

Der Kläger ist infolge von Dienstunfähigkeit Ruhestandsbeamter. Zuvor war er als Lokomotivführer tätig. Die Parteien streiten sich im Zusammenhang mit Dienstunfällen des Klägers um Gewährung beamtenrechtlicher Unfallfürsorge für eine Heilkur sowie für eine Heilbehandlung.

Die Unfallserie des Klägers begann 1975 als sich dem Kläger auf dem Weg vom Dienst nach Hause eine Selbstmörderin vor sein Auto warf. Im Juli 1993 und im April 1996 überfuhr der Lokführer mit seinem Zug jeweils einen Selbstmörder. Im Dezember 1996 kam ein Kollege bei einem Zugunglück ums Leben. Im Februar 1997 erlebte der Kläger als Mitfahrer im Führerstand eines Triebwagens einen Zusammenstoß mit einem Traktor, bei dem dieser sich in den Zug bohrte. Im Juni 2000 geriet ein Reisender zwischen den Bahnsteig und den vom Kläger geführten Zug, was eine Schnellbremsung erforderlich machte. Im Oktober 2002 rutschte der Kläger mit seinem Zug an einem Bahnhof vorbei, weil das Bremssystem versagte. Wegen zunehmender psychischer Beschwerden - er sah die Suizide auf der Bahnstrecke vor sich, träumte davon, konnte die Bilder nicht abschalten - begab der Mann sich 2003 in psychotherapeutische Behandlung.

Die Kosten dieser Behandlung sowie die Kosten einer sechswöchigen Heilkur im Jahr 2003 forderte der Kläger nun vom Bundeseisenbahnvermögen als Leistung der Unfallfürsorge. Während insgesamt fünf Ärzte dem Kläger eine posttraumatische Belastungsstörung im Zusammenhang mit den beruflichen Ereignissen attestierten, kam eine vom Bundeseisenbahnvermögen eingeschaltete Ärztin allerdings zum Ergebnis, bei den jetzt noch bestehenden psychischen Beschwerden handele es sich um eine unfallunabhängige Depression. Ursächlich seien anlagebedingte Faktoren und die Abnahme der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit auf dem Boden internistischer Erkrankungen und Risikofaktoren. Ein wesentlicher Zusammenhang mit den Unfallereignissen bestehe nicht. Die hiergegen gerichtete Klage hatte Erfolg.

Das Verwaltungsgericht hat entschieden, dass der Kläger Anspruch auf Gewährung der beantragten beamtenrechtlichen Unfallfürsorge hat. Es gab damit dem Kläger - und seinen Ärzten und Therapeuten - Recht. Die Feststellungen der Ärztin beruhen nach Überzeugung des Gerichts nur auf einer Momentaufnahme und leiden an zahlreichen Mängeln. Das Bundeseisenbahnvermögen hat demnach die Kosten einer Heilkur sowie einer psychotherapeutischen Behandlung im Wege der Unfallfürsorge zu übernehmen.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Quelle:

VG Münster, Urteil vom 28.09.2006
Aktenzeichen: 11 K 2651/04
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