Rechtsprechung

Weiterbeschäftigung einer Assistenzärztin bei Mitverschulden des Chefarztes

Verlässt sich eine Assistenzärztin darauf, dass sie über "kritische" Befunde eines Patienten durch das Labor informiert wird, erinnert aber auch der Chefarzt bei seiner Visite nicht an die noch fehlenden Laborbefunde, kann dem Arbeitgeber die Weiterbeschäftigung der Assistenzärztin zuzumuten sein, wenn er nicht auch das Arbeitsverhältnis mit dem Chefarzt gekündigt oder diesem jedenfalls eine Abmahnung erteilt hat.

Die Klägerin, eine Assistenzärztin, befindet sich bei der Beklagten, einem Krankenhaus, in einer Weiterbildung zur Fachärztin.

Auf Grund ihr nicht bekannter kritischer Laborwerte hat die Klägerin mit dazu beigetragen, dass ein Patient in eine lebensbedrohliche Situation geriet und letztlich reanimiert werden musste.

Die fraglichen Laborwerte lagen nicht in ihrem Fach, ihr war aber auch von der Beklagten nicht mitgeteilt worden, dass sie die Werte auch über ihren PC abrufen konnte.

Da für die Behandlung des Patienten keine fachärztliche Anleitung und Kontrolle durch den Chefarzt oder den Oberarzt erfolgt war, hat die Klägerin entsprechend ihrer fachlichen Qualifikation die aus ihrer Sicht notwendigen medizinischen Maßnahmen ergriffen.

Wegen dieses Vorfalls hat die Beklagte das Arbeitsverhältnis mit der Klägerin fristlos, hilfsweise fristgerecht gekündigt, ohne aber auch arbeitsrechtlichen Konsequenzen gegen den Chef- und den Oberarzt zu ergreifen.

Wie bereits die Vorinstanz hat auch das LAG die Unwirksamkeit der fristlosen, hilfsweise fristgerechten Kündigung festgestellt.

Der Beklagten ist die Weiterbeschäftigung der Assistenzärztin zuzumuten, da sie nicht auch das Arbeitsverhältnis mit dem Chefarzt gekündigt oder diesem jedenfalls eine Abmahnung erteilt hat.

Quelle:

LAG Düsseldorf, Urteil vom 04.11.2005
Aktenzeichen: 9 Sa 993/05
PM des LAG Düsseldorf v. 29.12.2005

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