Rechtsprechung

Anspruch auf Entgeltfortzahlung bei "Inline-Skating-Unfall"

Beim Inline-Skating handelt es sich nicht um eine gefährliche Sportart im Sinne des Entgeltfortzahlungsgesetzes. Ein durch Benutzung von Inline-Skates erlittener Unfall, lässt den Anspruch auf Entgeltfortzahlung - mangels Verschulden - nicht entfallen.

Die 61-jährige Klägerin ist bei der Beklagten, die einen Verbrauchermarkt betreibt, beschäftigt. Am 07.02.2002 - an diesem Tag war "Altweiberfassnacht" - kam die Klägerin in einem Faschingskostüm und mit Inline-Skates zur Arbeit. Während ihrer Mittagspause zog sie ihren Handgelenksschutz aus und fuhr mit den Inline-Skates zur Toilette. Vor der Eingangstür zum Toilettenvorraum stürzte die Klägerin, da dort Wasser auf dem Boden stand. In Folge des Sturzes brach sie sich das rechte Handgelenk und war bis zum 06.04.2002 arbeitsunfähig.

Die Klägerin hat mit ihrer Klage zum einen Entgeltfortzahlung für die ersten sechs Wochen ihrer Arbeitsunfähigkeit verlangt.

Die Beklagte hat die Auffassung vertreten, die Klägerin treffe an dem Zustandekommen des Unfalls ein grobes Eigenverschulden. 

Die Klägerin hat einen Anspruch auf Entgeltfortzahlung, so das LAG Saarland, da sie den Unfall nicht iSv. § 3 I EFZG verschuldet hat. Verschulden bedeutet nach der genannten Vorschrift nicht bereits jedes fahrlässige Verhalten iSv. § 276 BGB. Schuldhaft handelt danach vielmehr nur, wer gröblich gegen das von einem verständigen Menschen im eigenen Interesse zu erwartende Verhalten verstößt, was der Klägerin hier nicht vorgeworfen werden kann.

Beim Inline-Skating handelt es sich nicht um eine gefährliche Sportart im Sinne der Rechtsprechung des BAG zu § 3 EFZG, bei deren Ausübung eine Entgeltfortzahlung nicht in Betracht kommt. Nach dieser Rechtsprechung ist ein Sport dann besonders gefährlich, wenn das Verletzungsrisiko bei objektiver Betrachtung so groß ist, dass auch ein gut ausgebildeter Sportler bei sorgfältiger Beachtung aller Regeln dieses Risiko nicht vermeiden kann, wenn also der Sportler das Geschehen nicht mehr beherrschen kann, sondern sich unbeherrschbaren Gefahren aussetzt. Inline-Skating kann man wie Rollschuhfahren lernen und trainieren, das Verletzungsrisiko lässt sich - außer durch den Verhältnissen angepasste Fahrweise - insbesondere durch das Tragen von Schutzkleidung minimieren.

Ein Verschulden iSv. § 3 I EFZG kann zwar auch dann vorliegen, wenn ein Arbeitnehmer einen Unfall deshalb erleidet, weil er in besonders grober Weise und leichtsinnig gegen anerkannte Regeln der jeweiligen Sportart verstößt. Dass die Klägerin mit den Inline-Skates zur Toilette gefahren ist und vorher den Handgelenksschutz ausgezogen hat, ist noch nicht als einen besonders groben Verstoß gegen die erwähnten Verhaltensregeln und auch nicht als groben Verstoß gegen das in ihrem eigenen Interesse von ihr zu erwartende Verhalten anzusehen. 
Die Klägerin musste nicht damit rechnen, dass sie auf dem kurzen Weg zur Toilette einen Unfall mit so gravierenden Folgen erleiden könnte.

Das gilt auch dann, wenn man berücksichtigt, dass mit nassem Boden in einem Toilettenvorraum und auch vor einer Eingangstür zu diesem Raum stets gerechnet werden muss. Es ist nämlich zu berücksichtigen, dass die Klägerin in der Benutzung von Rollschuhen und Inline-Skates seit vielen Jahren besonders geübt ist.

Quelle:

LAG Saarland, Urteil vom 02.07.2003
Aktenzeichen: 2 Sa 147/02
PM des LAG Saarland Nr. 72/03 v. 02.07.2003

© arbeitsrecht.de - (Redaktion arbeitsrecht.de)

Artikel drucken
  • Xing