Rat vom Experten

Psychische Belastungen durch die Arbeit – Was kann dagegen getan werden?

Es besteht mittlerweile Einigkeit darüber, dass psychische Belastungen bei der Arbeit zu erheblichen Gesundheitsschäden führen können. Auch im Arbeitsschutzrecht hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt. Dem im Jahre 1996 in Kraft getretenen Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) liegt ein erweitertes Arbeitsschutzverständnis zugrunde, das den Schutz vor psychischen (Fehl)belastungen mit einschließt.

Deutlich wird dieses neue Arbeitsschutzverständnis durch den Gesundheitsbegriff des ArbSchG, der sich an einer Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (Abkommen Nr. 155) orientiert. Gesundheit im Zusammenhang mit der Arbeit bedeutet danach nicht nur das Freisein von Krankheit oder Gebrechen, sondern umfasst auch die physischen und geistig-seelischen Faktoren, die sich auf die Gesundheit auswirken und die in unmittelbaren Zusammenhang mit der Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit stehen.

Es besteht somit seit dem Jahre 1996 die gesetzliche Verpflichtung des Arbeitgebers, bei der Gestaltung der Arbeitsbedingungen und Arbeitsabläufe mögliche gesundheitsschädliche psychische Belastungen zu berücksichtigen und diese ggf. abzustellen. Unter dem Begriff "psychische Belastungen" werden verschiedenste Phänomene zusammengefasst, wie z.B.

  • Konflikte am Arbeitsplatz, Verhalten von Führungskräften, fehlende persönliche Anerkennung, ungeklärte Zuständigkeiten, "Mobbing" etc. (sog. psychosoziale Belastungen)
  • Emotionale Belastungen (z.B. Pflege von Alten und Kranken, aggressive Kunden)
  • Arbeitszeiten (z.B. Nacht- und Schichtarbeit, kurzfristige Überstunden, unklare Pausenregelungen, häufige Änderungen des Dienstplanes)
  • Überfordernde Arbeit (z.B. Arbeitsverdichtung, Zeitdruck, Reizüberflutung, fehlende Qualifikation und Schulung für die Arbeitsaufgabe)
  • Unterfordernde Arbeit (z.B. kein Handlungsspielraum, monotone, sinnentleerte Arbeit, Nichtausnutzung der Fähigkeiten)
  • Belastende Arbeitsumgebung (z.B. Lärm bei konzentrierter Arbeit, schlechte Beleuchtung)


Wird der Arbeitgeber nicht von sich aus aktiv, kann der Betriebsrat mit Hilfe seines Mitbestimmungsrechts nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG die Initiative ergreifen und psychische Belastungen im Betrieb zum Thema machen. Ausgangspunkt sollte dabei eine kritische Bestandsaufnahme der Situation im Betrieb sein. Den rechtlichen Rahmen hierfür bildet die Gefährdungsbeurteilung.

§ 5 ArbSchG verpflichtet den Arbeitgeber auch psychische Belastungen zu ermitteln und zu beurteilen. Dies geht sinnvollerweise nur, wenn die Beschäftigten beteiligt werden, was z.B. im Rahmen einer Mitarbeiterbefragung geschehen kann.

Werden hierbei Defizite festgestellt, sind – wie auch bei klassischen Gefahren für die Arbeitssicherheit – Maßnahmen zu treffen. Dabei verlangt § 4 Nr. 1 ArbSchG Maßnahmen, durch die psychische Belastungen möglichst vermieden oder zumindest minimiert werden. Maßnahmen zum Schutz vor psychischen Belastungen können z.B. Änderungen der Arbeitsorganisation sein, ein verbesserter Schutz vor Lärm oder die Optimierung einer umständlichen, störungsanfälligen Software. Häufig wird es sich um Maßnahmen handeln, die üblicherweise nicht direkt mit dem Arbeitsschutz in Verbindung gebracht werden, wie z.B. Qualifizierungs- und Trainingsmaßnahmen, Coaching, Supervision oder Stressbewältigungstrainings.

Auch bei diesen Maßnahmen kann der Betriebsrat selbst die Initiative ergreifen. Es handelt sich um arbeitsschutzrechtlich zwingend geforderte Maßnahmen (§§ 3, 4 ArbSchG), bei deren Auswahl und Festlegung er nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG mitzubestimmen hat.


Die Inhalte dieser Expertenrubrik wurden freundlicherweise von Rechtsanwalt Ulrich Faber aus der Rechtsanwaltskanzlei "Kompetenzzentrum Arbeitsrecht" in Bochum zur Verfügung gestellt.

© arbeitsrecht.de - (Ulrich Faber)

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