Wie hoch ist die Abfindung? Wie alt ist der Anwalt? (16/2005)

Einleitung

Wie bitte? Was hat das Alter eines Anwaltes mit der Höhe einer Abfindung zu tun? Schließlich hängt doch die Größe eines Schiffes auch nicht von der Schuhgröße des Kapitäns ab, nicht wahr?

Wovon hängt sie also ab die Höhe der Abfindung? Vom Einkommen des Arbeitnehmers? Von seiner Betriebszugehörigkeit? Von der Erfolgsaussicht einer Klage? Ja, von alledem.

Inhalt und Verlauf von Verhandlungen wesentlich

Und doch: Eines verschweigen selbst Rechtsberater den Rechtsuchenden immer wieder. Es ist - wie alle Beteiligten wissen - eine Tatsache, dass die Höhe einer nicht durch Sozialplan oder Tarifvertrag festgesetzten Abfindung abhängt vom Inhalt und Verlauf der Verhandlungen.

Wovon aber hängen Inhalt und Verlauf der Verhandlungen über einen Abfindungsvergleich zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ab? Von der Einstellung des Richters, der der Verhandlung beiwohnt? Von der Großzügigkeit oder Hartnäckigkeit des Arbeitgebers? Ja, davon hängen sie auch ab.

Aber wer als Anwalt oder Anwältin - mag er oder mag sie noch so "qualifiziert" sein und sogar hier und da einige Aufsätze in Fachzeitschriften veröffentlicht haben - nicht weiß, wie zu verhandeln ist, wird Schiffbruch erleiden und dem Mandanten oder der Mandantin dann später ein schlechtes Ergebnis als "Erfolg" verkaufen müssen. Schließlich hängt auch das Ergebnis von Sozialplan- oder Tarifverhandlungen nicht oder kaum von der akademischen Kompetenz der Verhandlungspartner ab.

Kein Anspruch auf Abfindung

Schon der Eintritt in Verhandlungen kann das Ergebnis des Verhandlungsprozesses negativ beeinflussen. Wer von sich aus das Gespräch sucht, sei es weil der Mandant das unbedingt will, sei es weil der Anwalt unbedingt eine Terminsgebühr verdienen will, begibt sich meist in eine Defensivposition: Die Gegenseite weiß, dass hier letztlich keine Weiterbeschäftigung mehr begehrt wird und womöglich gar nicht auf ein Angebot eingehen, sondern den Arbeitnehmer zur Weiterbeschäftigung auffordern. Was dann? Aus einer scheinbar harmlosen "Bitte", verkleidet in die Form eines "Angebots", wird plötzlich eine mittlere Katastrophe, wenn der Mandant gar nicht weiterarbeiten will, sondern auf eine Abfindung gehofft hat. Denn einen Anspruch gibt es nicht.

Vorsicht bei Weiterbeschäftigung

Ein Weiterbeschäftigungsverlangen macht immer nur Sinn wenn das Weiterbeschäftigungsinteresse auf Arbeitnehmerseite wie das Weiterbeschäftigungsdesinteresse des Arbeitgebers glaubhaft bleiben.

Natürlich kann man die Maximalforderung der Weiterbeschäftigung erheben. Aber wenn sie schon in der Verhandlung durch den Vorsitzenden dem Anwalt aus der Hand geschlagen wird ("Glauben Sie im Ernst, dass Ihr Mandant jemals wieder dort glücklich werden wird?" Und dann der Kommentar des Mandanten: "Nein, das glaube ich auch nicht!"), dann können im Raum stehende Angebote plötzlich um tausende Euros schmelzen, ohne dass der Mandant es so recht gemerkt hat. Es gibt viele andere Faktoren, die zu berücksichtigen sind.

"Kultur des Basars"

Verhandlungstaktiken pflegen unbedarfte deutsche Anwälte oft mit dem Satz zu begegnen: "Aber ich bitte Sie Herr Kollege, wir sind hier doch nicht auf dem Basar!" Doch das offenbart nur deren eigene Unerfahrenheit in Verhandlungstechniken: In der Tat geht es um eine "Kultur des Basars". Ob man das gut findet oder nicht. So etwas lernt man nicht im Studium, nicht im Referendariat, nicht durch eine Dissertation, nicht durch zwei oder drei Jahre Berufspraxis. Das lernt man nur durch jahrelange Berufspraxis und durch eine fundierte Einschätzung typischer Interessen und Verhaltensweisen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. So gesehen mag es also tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der Höhe der Abfindung und dem Alter des Anwaltes geben. Jedenfalls ist der Einfluss der Erfahrung auf diesem Gebiet weitaus größer als abstrakte Rechtskenntnisse. Und das wird von vielen Ratsuchenden oft übersehen.

Harte Realität

Die "gesetzlich mir zustehende Abfindung" ist eine Mär, an die Rechtssuchende immer wieder glauben. Doch die Ratgeber verschweigen leider oft, dass die "optimal ausgehandelte Abfindung" die anzustrebende Realität ist.

Über den Autor:
Rolf Geffken,
Fachanwalt für Arbeitsrecht

© arbeitsrecht.de - (rg)

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