Arbeit & Politik

Rentenreform und Depression Plötzliche Einschnitte bei Ruhestandsregelung machen krank

Nach einer Kürzung der Altersbezüge im öffentlichen Dienst stieg die Zahl depressiver älterer Arbeitnehmer in den Niederlanden sprunghaft an. Die Betroffenen hatten nur sechs Jahre Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen. Wissenschaftler warnen daher vor allzu kurzfristigen Rentenreformen.

Eine Untersuchung der Ökonomen Andries de Grip, Maarten Lindeboom and Raymond Montizaan von den Universitäten Maastricht und Amsterdam zeigt, dass die psychische Gesundheit vieler Beschäftigter erheblich leidet, wenn sie plötzlich vor der Wahl stehen: entweder noch ein Jahr Arbeit dranhängen oder deutlich weniger Rente bekommen als bislang gedacht.

Die Wissenschaftler berichten in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Böckler Impuls" von den Konsequenzen einer Rentenreform in den Niederlanden. Dort konnten Beschäftigte des öffentlichen Dienstes bis 2006 mit 62 Jahren in Rente gehen und bekamen 70 Prozent der früheren Bezüge als Ruhegeld. Nach der Reform galt diese Regelung nur noch für Staatsdiener, die vor dem 1. Januar 1950 geboren sind. Alle anderen müssen nun 13 Monate länger arbeiten, um auf die vollen Altersbezüge zu kommen oder sich als Rentner mit 64 Prozent des früheren Einkommens zufriedengeben. Den Betroffenen blieben nur sechs Jahre, um sich auf ihre neue Situation einzustellen.

Zwei Jahre nach der Gesetzesänderung haben die Wissenschaftler männliche Staatsbeschäftigte der Jahrgänge 1949 und 1950 - also die letzte von der Reform nicht betroffene und die erste betroffene Alterskohorte - nach ihrem Gesundheitszustand befragt. Über 5.000 auswertbare Fragebögen kamen so zusammen. Den angeschriebenen Beschäftigten wurde dabei nicht mitgeteilt, dass es bei der Studie um die Reform der Altersversorgung geht.

Das Ergebnis war den Wissenschaftlern zufolge eindeutig: Die Quote derer, die an Depressionen leiden, lag unter den jüngeren, also von der Reform betroffenen Beschäftigten um etwa 40 Prozent über dem Wert der etwas älteren. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei den Beschäftigten, die allein für ihre Familien sorgen müssen, weil ihre Frauen keine eigenen Rentenansprüche haben.

Die Forscher weisen darauf hin, dass es sich bei Depressionen keineswegs um eine seltene Erkrankung handelt. So sind in den Niederlanden, Großbritannien oder den USA laut Weltgesundheitsorganisation rund zehn Prozent der Bevölkerung betroffen. Depressionen stünden zudem in Zusammenhang mit anderen Krankheiten, etwa Herzleiden oder Diabetes. Die Gesundheitsausgaben für Depressive lägen pro Kopf etwa viermal so hoch wie für die übrige Bevölkerung. Hinzu kämen weitere volkswirtschaftliche Kosten durch sinkende Produktivität und Arbeitsausfälle.

Regierungen, die ihre Rentensysteme neu justieren, sollten diese Fakten berücksichtigen, schreiben die Wissenschaftler. Kürzungen dürften nicht so kurzfristig in Kraft treten, dass ältere Arbeitnehmer praktisch keine Chance mehr haben, anderweitig fürs Alter vorzusorgen. Die Befunde aus den Niederlanden dürften nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass Arbeitnehmer es als ausgesprochen unfair empfinden, wenn politische Entscheidungen relativ plötzlich ihre Lebensentwürfe durchkreuzen.

Quelle:

Böckler Impuls, Ausgabe 12/2012

© arbeitsrecht.de - (akr)

Artikel drucken
  • Xing

Ähnliche Artikel aus Arbeit & Politik

Die Mischung macht’s

12.10.2010 | Ältere sind erheblich leistungsfähiger, wenn sie in Teams mit jüngeren Kollegen zusammenarbeiten, ihr Arbeitsplatz altersgerecht ausgestattet ist und die Tätigkeiten ihre Stärken berücksichtigen. Das sind zentrale Ergebnisse einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung.  [mehr]

"Ü-50-Party" am Arbeitsplatz

08.06.2011 | Über ein Viertel aller Arbeitnehmer war im Jahr 2010 über 50 Jahre alt. Das zeigt der aktuelle Altersübergangsreport aus dem Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung.  [mehr]

AltersteilzeitFlexibler Ruhestand für Gewerkschaftsmitarbeiter

12.09.2014 | Die IG Metall geht auch als Arbeitgeberin mit gutem Beispiel voran, um ihren Beschäftigten einen flexiblen Ausstieg in den Ruhestand zu ermöglichen. Seit Juli gilt für ihre rund 2.500 Mitarbeiter eine neue Altersteilzeitregelung. Die AiB-Online-Redaktion hat sich nach den Details erkundigt.  [weiterlesen auf "Arbeitsrecht im Betrieb"]

Land des langen Lebens

10.09.2010 | Die Deutschen gehen im Durchschnitt mit 63 Jahren in Rente – ein Jahr später als noch 2002. Das geht aus der Studie "Deutscher Alterssurvey" hervor, erstellt im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Der DGB nennt die Zahlen "Schönfärberei".  [mehr]

EinkommensentwicklungAlt, Allein und Arm

19.12.2011 | Rentnerhaushalte haben in den letzten Jahren spürbar an Einkommen verloren. Das betrifft vor allem Alleinstehende. Aber auch für viele Paare im Ruhestand wird es finanziell enger. Das zeigt eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Untersuchung.  [mehr]

Ähnliche Artikel aus den anderen Rubriken:

Rechtsprechung

Auseinanderfallen von Pensions- und Rentenalter verfassungsgemäß

05.07.2011 | Die Vertrauensschutzregelung des § 235 Abs. 2 Satz 3 SGB VI, wonach für altersteilzeitbeschäftigte Versicherte die Regelaltersgrenze unter bestimmten Voraussetzungen nicht angehoben wird, ist auf Beamte nicht anwendbar.  [mehr]

BetriebsrenteEinzelzusage geht vor

25.07.2016 | Eine Betriebsvereinbarung zur betrieblichen Altersversorgung kann einzelne Mitarbeiter ausschließen, die vom Arbeitgeber schon eine einzelvertragliche Versorgungszusage erhalten haben. Darin liegt keine verbotene Ungleichbehandlung. Vorausgesetzt, dass diese Arbeitnehmer eine zumindest gleichwertige Altersrente erhalten – so das Bundesarbeitsgericht (BAG).  [mehr]

Arbeitshilfen

Rechtslexikon: Altersteilzeit

29.01.2010 | Altersteilzeit ist eine Form der Teilzeitbeschäftigung, wobei Arbeitnehmer, die das 55. Lebensjahr erreicht haben, ihre regelmäßige Wochenarbeitszeit um 50 Prozent reduzieren, bis sie Altersrente beanspruchen können.  [mehr]

Die Altersteilzeit in Grundzügen (12/2010)

16.06.2010 | Im Alter muss man meist kürzer treten - oft darf man dann auch kürzer arbeiten. Grundlage ist die so genannte Altersteilzeit, die im Moment etwa wieder für die Piloten der Lufthansa diskutiert wird. Was aber genau beinhaltet dieses Modell?  [mehr]

Änderungen in der Altersteilzeit zum 1. Juli 2004 (14/2004)

30.06.2004 | Zum 01. Juli sind zahlreiche Änderungen im Altersteilzeitgesetz (ATG) in Kraft getreten. Zentrale Themen sind die Einführung eines Regelentgeltes, der Wegfall des sog. Mindestnettobetrages und die Einführung einer zwingenden Insolvenzsicherung.  [mehr]