Arbeit & Politik

Mindestlohn Arbeitsmarktforscher überprüfen Lohnuntergrenze

Schutz für Arbeitnehmer oder Gefahr für Arbeitsplätze? Das Bundesministerium für Arbeit hat die bestehenden gestzlichen Vorgaben zum Mindestlohn untersuchen lassen. Jetzt liegen die Ergebnisse vor.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) hat die Evaluation von acht Branchen an vier Auftragnehmer vergeben. Im Ergebnis haben ein Konsortium aus IAB (Nürnberg), RWI (Essen) und ISG (Köln) für die Bauindustrie, das ZEW (Mannheim) für das Dachdeckerhandwerk und die Abfallwirtschaft, das IAQ (Duisburg) für die Wäschereidienstleistungen im Objektkundengeschäft und die Gebäudereinigung sowie das IAW (Tübingen) für die Pflegebranche, das Maler- und Lackiererhandwerk und das Elektrohandwerk Mindestlöhne hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Beschäftigung, den Arbeitnehmerschutz und den Wettbewerb untersucht.

Die Einführung der Mindestlöhne im Jahr 2003 hatte Maler- und Lackiererhandwerk in Ostdeutschland relativ geringe Wirkungen auf die Löhne. Für die ungelernten Kräfte zeigen sich geringe Änderungen in den betroffenen Segmenten der Lohnverteilung. Robuste Wirkungen der Einführung der Mindestlöhne auf die Beschäftigung lassen sich weder in Ost- noch in Westdeutschland feststellen. Dabei ist es un-erheblich, ob man die Beschäftigung auf der Ebene der einzelnen Person oder des Betriebs misst. Die Forscher vermuten, dass es in Ostdeutschland zu Umsatzeinbußen infolge der Einführung des Mindestlohns im Jahr 2003 kam. Angesichts der unveränderten Beschäftigungsentwicklung scheinen die Betriebe zur Bewältigung dieses Umsatzrückgangs andere Instrumente zu verwenden als die Anpassung der Beschäftigung.  

Im Dachdeckergewerbe werden Ost- und westdeutsche Beschäftigte vom Mindestlohn stark unterschiedlich berührt. Die Betroffenheit vom Mindestlohn ist betrifft in Westdeutschland etwa ein Drittel und in Ostdeutschland etwa 90 Prozent der Unternehmen. Zudem zeigen die  Analysen, dass  der  durchschnittliche vom Mindestlohn betroffene Beschäftigte in Westdeutschland eher ein atypisch Beschäftigter ist, der nicht zu der vollzeitbeschäftigten Stammbelegschaft gehört, während in Ostdeutschland auch der durchschnittliche Facharbeiter vom Mindestlohn erfasst wird. Das schlägt sich in den Lohnverteilungen  nieder. Während Arbeitsentgelt in Westdeutschland kaum durch den
Mindestlohn beeinflusst scheint, gibt in  Ostdeutschland  eine  deutliche Stauchung der Lohnverteilung von unten, die vor allem nach der  Einführung eines bundeseinheitlichen Mindestlohns im Dachdeckerhandwerk zugenommen hat. Die IG Bau Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen  geht sogar davon aus, dass fast alle ostdeutschen Dachdeckerunternehmen den Mindestlohn für den Tariflohn halten, so dass dieser längst  zu einer Orientierungsmarke auch für die Entlohnung von Fachkräften geworden ist.  

In der Pflegebranche fanden die Experten vereinzelte Hinweise, dass Löhne zum Zeitpunkt der Einführung des Mindestlohns 2010 auf das Mindestlohnniveau abgesenkt wurden. Grundsätzlich gehen sie von geringen bis nicht vorhandenen Beschäftigungseffekten aus, da die Pflegebranche ein wachsender Markt und der Mindestlohn in den meisten Fällen ohnehin zu niedrig sei, um qualifiziertes Personal zu gewinnen. Die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Branchen ist laut IAW wegen Branchenspezifika nicht möglich. 

Hier finden Sie die Abschlussberichte für die einzelnen Branchen


Quelle:
PM des BMAS vom 18.11.2011

© arbeitsrecht.de - (mst)

  • Xing
Artikel drucken

Ähnliche Artikel aus Arbeit & Politik

MindestlohnFreigrenzen als Vergleichswerte

14.11.2011 | In 20 von 27 Mitgliedsländern der EU existiert ein gesetzlicher Mindestlohn, während in Deutschland die Parlamentarier noch darüber debattieren. Welches Einkommen nötig ist, um menschenwürdig leben zu können, zeigen Berechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts.  [mehr]

Die Mindestlohnpolizei

23.05.2011 | Der Zoll soll in Zukunft die Lohnuntergrenze in der Zeitarbeitsbranche überwachen. Das schlagen die Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und FDP in einem Entwurf zur Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes und des Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetzes vor.  [mehr]

Mindestlohn für den Wachmann

04.05.2011 | Für das Wach- und Sicherheitsgewerbe gilt ab Juni 2011 ein gesetzlicher Mindestlohn. Das Bundeskabinett hat eine entsprechende Verordnung beschlossen, die zunächst zwischen 6,53 und 8,60 Euro Stundenlohn vorsieht.  [mehr]

MinijobsDGB kritisiert Aufstockung

28.11.2011 | Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat die Anhebung der Minijob-Grenze auf 450 Euro kritisiert. Die Koalition wolle Menschen in kleinen Beschäftigungsverhältnissen für dumm verkaufen.  [mehr]

MindestlohnKein Mindestlohn für Vertragsamateure

27.02.2015 | Vertragsspieler, die auf Minijobbasis in Sportvereinen angestellt sind, fallen nicht unter das Mindestlohngesetz - so Bundesministerin Andrea Nahles in einem Gespräch mit Vertretern des Deutschen Olympischen Sport- und Fußball-Bundes. Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler hält diese Rechtsauffassung für falsch.  [weiterlesen auf "Arbeitsrecht im Betrieb"]

Ähnliche Artikel aus den anderen Rubriken:

Rechtsprechung

Mindestlohn"Toilettenfrauen" bekommen keinen tariflichen Mindestlohn

03.04.2013 | Sanitärbetreuerinnen haben keinen Anspruch auf Zahlung des Mindestlohns für Reinigungskräfte. Das gilt jedenfalls dann, wenn sie nicht nachweisen können, dass sie überwiegend als Reinigungskräfte beschäftigt werden. So das Arbeitsgericht Hamburg.  [weiterlesen auf "Arbeitsrecht im Betrieb"]

MindestlohnKein Hungerlohn für Pizzaboten

29.04.2016 | Ein Pizzabäcker zahlte einer Lieferfahrerin über Jahre nur 3,40 EUR pro Stunde. Die Lohnvereinbarung ist sittenwidrig und nichtig. Da der gesetzliche Mindestlohn noch nicht in Kraft war, können die Arbeitnehmerin oder ihr Sozialhilfeträger die ortsübliche Vergütung einklagen, entschied das LAG Berlin-Brandenburg.  [weiterlesen auf "Arbeitsrecht im Betrieb"]

Gesetzgebung

Ab August erhalten Pflegekräfte gesetzlichen Mindestlohn

15.07.2010 | Pflegekräfte, die sich um kranke und alte Menschen kümmern, klagen schon lange über ihre schlechte Bezahlung. Jetzt hat das Kabinett einen Mindestlohn für die Branche beschlossen.  [mehr]

Bundesarbeitsministerium bringt Mindestlohnverordnung auf den Weg

18.02.2010 | Das Bundesarbeitsministerium hat das Verordnungsverfahren für Mindestlöhne in den so genannten Altbranchen Gebäudereinigung und Dachdeckerhandwerk mit der Veröffentlichung der Verordnungsentwürfe im Bundesanzeiger am 15.01.2010 eingeleitet.  [mehr]

Die neuen Regelungen zum Mindestlohn (18/2009)

09.09.2009 | Verbindliche Lohnuntergrenzen bleiben ein Politikum. Aktuelle Gesetzesänderungen bringen jetzt mehr Klarheit in die bestehenden Regelungen.  [mehr]

Der gesetzliche Mindestlohn (23/2005)

09.11.2005 | Das Thema "gesetzliche Mindestlöhne" ist und bleibt aktuell. Die Bandbreite der Diskussion reicht von "Einstellungshindernis" über die Befürchtung von "Einschnitten in die Tarifautonomie" bis hin zur erhofften "Beseitigung von Hungerlöhnen".  [mehr]