Arbeit & Politik

Streit um NamensschilderServicekraft oder Ordnungshüter?

Sollen Polizisten im Dienst anonym bleiben oder für jedermann identifizierbar sein? Sind sie Servicekräfte oder Ordnungshüter? Das sind die Kernfragen eines Streits, der um ein paar Quadratzentimeter Blech ausgebrochen ist.

Namens- oder Dienstnummernschilder für Polizeibeamte sorgen seit einiger Zeit für Unruhe. An Berliner Polizeiuniformen ist das Schild bereits seit Sommer angebracht. Berlin hatte damit als erstes Bundesland eine individuelle Kennzeichnungspflicht für seine uniformierten Polizisten eingeführt. Brandenburgs Innenministerium wird im Jahr 2013 nachziehen. Bundespolizisten und Ordnungshüter in Nordrhein-Westfalen und in anderen Ländern dürfen weiter anonym ihren Dienst verrichten.

Uneinigkeit herrscht nicht nur unter den Bundesländern. Zum Thema "Kennzeichnungspflichten von Polizeibeamten" gibt es keine klare Linie. Die Gräben ziehen sich durch politische Parteien, die Polizei, die Bevölkerung. Für den früheren Berliner Polizeipräsidenten Dieter Glietsch, unter dessen Verantwortung zunächst Namensschilder auf freiwilliger Basis eingeführt worden waren, gibt es "keine überzeugenden Argumente gegen eine Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamtinnen und -beamte". Er schreibt in einer Stellungnahme für den Innenausschuss des Deutschen Bundestages, Gefahren, denen Polizisten in ihrem Beruf ausgesetzt seien, erhöhten sich nicht dadurch, dass sie ihren Namen an der Uniform tragen. Polizeibeamte müssten akzeptieren, dass im freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat jeder, der von polizeilichen Maßnahmen betroffen ist, grundsätzlich einen Anspruch darauf hat zu wissen, wer in seine Rechte eingreift. Glietsch spricht von einer selbstverständlichen Geste der Service- und Kundenorientierung. Professor Rafael Behr von der Hochschule der Polizei Hamburg argumentiert für die Kenzeichnung, es sei viel schwerer, einen eindeutig identifizierbaren Polizisten fälschlicherweise einer Straftat zu bezichtigen als eine unbekannte Gruppe.

Auch Amnesty International fordert vehement den offenen Umgang mit dem Menschen hinter der Uniform. Die Menschenrechtsorganisation hat eigens eine Kampagne ins Leben gerufen, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Hauptargument der Befürworter einer persönlichen Kennzeichnung: Namen oder Nummer holen Täter aus der Anonymität. Das verbessere die effektive Strafverfolgung von Polizisten bei Misshandlungen oder sonstiger Gewaltanwendung.

Den Interessenvertretern der Polizisten, der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und vielen Personalräten, ist die "Zwangskennzeichnung" ein Dorn im Auge. Doch der erste Versuch der Schildergegner, die Anonymität der Einsatzkräfte zu schützen, ist in Berlin bereits gescheitert. In einem Verfahren vor dem Berliner Verwaltungsgericht (VG Berlin, Beschluss vom 16.11.2011, Aktenzeichen VG 60 K 9.11) ging es um Mitbestimmungsrechte bei der Einführung der Schilder. Hätte der Dienstherr den Personalrat zu Unrecht außen vor gelassen, wäre die Kennzeichnungspflicht zunächst hinfällig gewesen. Der Dienstherr hat aber alles richtig gemacht, meinten die Berliner Richter, und so geht der Schilderstreit in die nächste Runde. Und womöglich in die nächste Instanz. Die GdP fordert bereits mit neuen Argumenten ein Namensschildverbot – wegen der Verletzungsgefahr. Am 15.11.2011 hätten sich während eines Handgemenges bei einer Festnahme sowohl ein Polizeibeamter als auch die festgenommene Person am Dienstnummernschild verletzt. Das hat der stellvertretende Landesbezirksvorsitzende der GdP-Berlin Detlef Herrmann bekannt gegeben. Es sei seit langem bekannt, dass die scharfkantigen Schilder zu Verletzungen führen können. Herrmann fordert deshalb eine Gefährdungsbewertung nach § 5 Arbeitsschutzgesetz. Außerdem verlangt er – um Gefahren vorerst zu vermeiden – die etwa 13.000 ausgegebenen Namens- und Nummernschilder sofort wieder einzuziehen. 

Quelle:

© arbeitsrecht.de - (mst)

  • Xing
  • deli.cio.us
Artikel drucken

Ähnliche Artikel aus Arbeit & Politik

Immer mehr Unternehmen entziehen sich der Mitbestimmung

15.02.2011 | Kleine Gruppe, starkes Wachstum: In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der in Deutschland ansässigen Unternehmen gestiegen, die hierzulande mehr als 500 Beschäftigte und eine reine oder kombinierte ausländische Rechtsform haben. Durch eine Gesetzeslücke müssen die Beschäftigten dieser Unternehmen bislang auf Mitbestimmungsrechte verzichten. [mehr]

Deutscher Personalräte-Preis 2012Bewerben Sie sich jetzt!

09.05.2012 | Sie haben sich für die Interessen der Beschäftigten eingesetzt? Dann ist es höchste Zeit, für Respekt, Dank und Wertschätzung. Dazu müssen Sie nur Ihr besonderes Personalratsprojekt zur Bewertung für den Deutschen Personalräte-Preis einreichen. Die Bewerbungsfrist läuft noch bis zum 31. Mai! [mehr]

Neue Sichtweisen dank Mitbestimmung

28.01.2011 | Arbeitnehmervertreter bringen neue Sichtweisen in die Führungsgremien der Konzerne und machen sie zu modernen, intelligenten Foren der Kommunikation. Zu dieser Einschätzung gelangen Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung. [mehr]

Unternehmen umgehen Mitbestimmung durch Organisation nach Auslands-Recht

30.03.2010 | Immer mehr Firmen in Deutschland sind in einer ausländischen Rechtsform organisiert - häufig aus dem Grund, Mitbestimmungsrechte der Belegschaft auszuschließen, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt. [mehr]

Anträge zur Stärkung der Unternehmensmitbestimmung erörtert

12.05.2011 | Die Anträge der SPD-Fraktion mit dem Titel "Demokratische Teilhabe von Belegschaften und ihren Vertretern an unternehmerischen Entscheidungen stärken" sowie der Fraktion Die Linke mit dem Titel "Unternehmensmitbestimmung lückenlos garantieren" waren Gegenstand der Anhörung des Ausschusses für Arbeit und Soziales am 9. Mai. [mehr]

Ähnliche Artikel aus den anderen Rubriken:

Rechtsprechung

Initiativrecht des Personalrats zur Gefährdungsbeurteilung

31.10.2011 | Der Personalrat hat kein Mitbestimmungsrecht bei der Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen, da die Durchführung schon nicht als Maßnahme im personalvertretungsrechtlichen Sinn angesehen werden kann. [mehr]

Mitbestimmung des Personalrats bei Einstufung in Erfahrungsstufe

03.12.2010 | Die mitbestimmungsbedürftige Eingruppierung von Beschäftigten anlässlich ihrer Einstellung umfasst sowohl die Eingruppierung in eine Entgeltstufe, als auch in eine Erfahrungsstufe i. S. d. § 16 TVöD (Bund), da beides für den Kernbestandteil des tariflichen Entgelts maßgeblich ist. [mehr]

Gesetzgebung

Mehr Macht für Personalräte

26.01.2011 | Die Mitbestimmung der über 600.000 Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Nordrhein-Westfalen soll umfangreich ausgebaut und modernisiert werden. Die Landesregierung hat einen Gesetzesentwurf zur Änderung des Landespersonalvertretungsgesetzes (LPVG) beschlossen. [mehr]

Arbeitshilfen

Rechtslexikon: Mitbestimmung des Betriebsrats

29.01.2010 | Das Mitbestimmungsrecht stellt das stärkste Beteiligungsrecht des Betriebsrats dar. [mehr]

Unterlassungsansprüche bei Betriebsänderungen (13/2009)

01.07.2009 | Der Betriebsrat muss nicht tatenlos zusehen, wenn das Unternehmen eine Betriebsänderung plant. Diese Rechtsansicht setzt sich auch bei den Arbeitsgerichten immer mehr durch. [mehr]

Newsletter PR Extra Archiv

01.01.1970 | [mehr]

Aus den Zeitschriften

Der Personalrat: Informationsanspruch des einzelnen Personalratsmitglieds

22.02.2011 | Auf welche Informationen haben Personalratsmitglieder Anspruch? Dürfen sie notwendige Infos bereits vorab erhalten, um sich entsprechend vorzubereiten, oder erst während der Sitzung des Personalrats? [mehr]

Computer und Arbeit: Mehr Mitbestimmung bei der elektronischen Personalakte

15.06.2011 | Die fortschreitende Digitalisierung von Beschäftigtendaten bei privaten und öffentlichen Arbeitgebern stärkt die Mitbestimmung von Belegschaftsvertretungen und schafft mehr Transparenz im Umgang mit der Personalakte. [mehr]