Arbeit & Politik

WSI-Tarifarchiv: 13 Prozent verdienen weniger als 8,50 Euro

Seit eineinhalb Jahren sinkt sie Zahl der Arbeitnehmer, deren Tariflohn unter 8,50 je Stunde liegt. Das ergibt eine aktuelle Auswertung, die das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung vorgelegt hat.

Die Wissenschaftler des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) haben mehr als 4.700 Vergütungsgruppen aus 41 Branchen und Wirtschaftszweigen untersucht. Im September 2011 sahen 13 Prozent davon Stundenlöhne von weniger als 8,50 Euro vor. Im März 2010 lag dieser Anteil noch bei 16 Prozent.


Die große Mehrheit, 87 Prozent der Vergütungsgruppen aus Tarifverträgen, die DGB-Gewerkschaften abgeschlossen haben, sieht dementsprechend Stundenlöhne von 8,50 Euro und mehr vor. Insgesamt 76 Prozent der Vergütungsgruppen beginnen mit einem Stundensatz von mindestens 10 Euro. Letzteres gilt in großen Branchen wie der Metall- und der Chemieindustrie, der Entsorgungswirtschaft, dem Bank- und dem Bauhauptgewerbe für alle oder nahezu alle Tarifgruppen. Das Tarifsystem setzt so Untergrenzen deutlich oberhalb der Niedriglohnschwelle, die bei rund neun Euro liegt.    

In 617 (13 Prozent) der untersuchten Vergütungsgruppen ist das jedoch anders: Sieben Prozent aller Gruppen sehen Einstiegslöhne unter 7,50 Euro vor, weitere sechs Prozent liegen zwischen 7,50 und 8,50 Euro pro Stunde. Zwar dürften manche der unteren Tarifgruppen nur für recht wenige, gering qualifizierte Mitarbeiter gelten. Aber in verschiedenen Handwerks- und Dienstleistungsbranchen sowie in der Landwirtschaft seien Niedriglöhne häufig.

Niedriglöhne oft in Ostdeutschland

Die niedrigen Vergütungsgruppen sind auch ein Ost/West-Problem: Mehrheitlich gelten Vergütungsgruppen unterhalb von 7,50 Euro in ostdeutschen Tarifbereichen, während die Vergütungsgruppen zwischen 7,50 und 8,50 Euro mehrheitlich in westdeutschen Tarifbereichen anzutreffen sind. Auch im Bereich der Mindestlohntarifverträge nach dem Arbeitnehmer-Entsendegesetz sind einige Vergütungsgruppen im Niedriglohnbereich unter 8,50 Euro angesiedelt.

Die Ergebnisse der Analyse sprechen nach Auffassung des Tarifexperten Volker Bispinck für die Einführung eines allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro.

Quelle:
PM der Hans-Böckler-Stiftung vom 02.11.2011

© arbeitsrecht.de - (mst)

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