Arbeit & Politik

Vom Job verbrannt

Immer mehr Beschäftigte fühlen sich ausgebrannt, leiden unter dem Burnout-Syndrom. Was Arbeitgeber teilweise als fehlende Belastbarkeit verharmlosen, hat seine Ursachen oft in der unsicheren Jobsituation oder liegt am zunehmenden Leistungsdruck.

"Ralf Rangnick zurückgetreten", das war am 22.09.2011 eine der Hauptmeldungen in den deutschen Medien. Die Diagnose, die der Mannschaftsarzt dem Trainer des Bundesligavereins Schalke 04 gestellt hat, lautet "vegetatives Erschöpfungssyndrom". Es beinhalte eine Auslaugung des Körpers, wobei die Energiereserven aufgebraucht seien. Anzeichen sind Schlaf- und Appetitlosigkeit.

Wie Schalke-Trainer Rangnick geht es rund 100.000 Beschäftigten in Deutschland. Die Fehlzeitenreporte der Krankenkassen weisen seit Jahren den Anstieg psychischer Erkrankungen im Berufsleben nach. Laut AOK-Fehlzeitenreport lag die Quote der Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen im vergangenen Jahr bei 9,3 Prozent. Hochgerechnet auf mehr als 34 Millionen gesetzlich krankenversicherte Beschäftigte in Deutschland bedeutet das: "Knapp 100.000 Menschen mit insgesamt mehr als 1,8 Millionen Fehltagen wurden im Jahr 2010 wegen eines Burnouts krankgeschrieben", so Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO)

Arbeits- und Gesundheitsschutz

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Arbeits- und Gesundheitsschutz

Mit 23,4 Tagen je Fall dauerte der Ausfall wegen einer psychischen Erkrankung im Jahr 2010 doppelt so lange wie der Durchschnitt mit 11,6 Tagen je Fall. Im Vergleich zum Jahr 2009 sind die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund dieser Erkrankungen um 0,7 Prozentpunkte angestiegen. Insgesamt ist seit 1994 bei den Arbeitsunfähigkeitsfällen ein Anstieg der psychischen Erkrankungen von mehr als 100 Prozent, bei den Arbeitsunfähigkeitstagen um nahezu 90 Prozent zu verzeichnen. 

Als Ursachen für den Anstieg nennen die AOK-Gesundheitsexperten sowohl ein verändertes Diagnoseverhalten der Ärzte als auch die gestiegenen psychosozialen Belastungen am Arbeitplatz.

Frauen sind für den Erschöpfungszustand besonders anfällig. Sie werden aufgrund eines Burnouts doppelt so häufig krankgeschrieben wie Männer: So fallen auf Frauen je 1.000 AOK-Mitglieder 101,9 Ausfalltage, auf Männer hingegen nur 49,7 Tage. Frauen sind insbesondere zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr von einem Burnout betroffen. Ebenfalls zeigt sich, dass mit zunehmendem Alter das Risiko einer Krankmeldung in Folge eines Burnouts zunimmt.

Gerichte reagieren

Auch die Rechtsprechung ist inzwischen auf das Problem aufmerksam geworden. Für die Teilnahme des Betriebsrats an einer Schulung "Burnout im Unternehmen" genügt es, wenn das Gremium darauf verweisen kann, dass Beschäftigte mehrfach auf eine bestehende Überforderungssituation hingewiesen haben. Die Schulung vermittelt Fachwissen in einem Bereich, der zum Aufgabengebiet eines Betriebsrates gehört, so das Arbeitsgericht (ArbG) Essen (Beschluss vom 30.06.2011, Aktenzeichen 3 BV 29/11). Das folge an erster Stelle aus § 87 Abs.1 Nr.7 BetrVG, wonach der Betriebsrat bei Regelungen über die Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten sowie über den Gesundheitsschutz mitzubestimmen hat.

Quelle:
PM von Schalke 04 vom 22.09.2011, PM des WIdO vom 16.08. und vom 19.04.2011

© arbeitsrecht.de - (mst)

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