Arbeit & Politik

Niedriglohnsektor - Sprungbrett oder Sackgasse?

Niedriglöhne sind für Millionen Menschen der Einstieg in eine besser bezahlte Beschäftigung. Das ist ein zentrales Ergebnis eines arbeitgebernahen Gutachtens. Für die Gewerkschaft ver.di ist der Niedriglohnbereich eine Sackgasse.

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) beurteilt die aktuelle Studie "Der Niedriglohnsektor in Deutschland: Entwicklung, Struktur und individuelle Erwerbsverläufe", die das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt hat, als irreführend und schönfärberisch.

An der Erkenntnis, dass der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor sprunghaft angestiegen ist, komme auch die Studie nicht vorbei, kommentierte ver.di-Vorsitzender Frank Bsirske. Ihr Anteil sei von 16 Prozent Ende der 1990er Jahre auf inzwischen über 22 Prozent gestiegen, jeder Fünfte arbeite zu Niedriglöhnen. "Insofern werden die dramatischen Zahlen, die wir vom Institut für Arbeit und Technik bereits kennen, erstmals auch von Arbeitgeberseite bestätigt", so Bsirske. Die INSM wird von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektro-Industrie finanziert.

Prekäre Beschäftigung

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Prekäre Beschäftigung

Trotz des dramatischen Anstiegs schaffe das IW das Kunststück, den Niedriglohnsektor als Sprungbrett schönzureden. Ein Viertel der Niedriglöhner schaffe den Aufstieg in besser bezahlte Jobs, aber nur fünf Prozent der Beschäftigten steige von gut in schlecht bezahlte Jobs ab. Tatsächlich entstünden neue Arbeitsplätze im Aufschwung nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes zu 75 Prozent im Bereich prekärer und atypischer Beschäftigung. "Wenn also nur einer von vier Niedriglöhnern den Aufstieg in regulär bezahlte Arbeit schafft, bleibt für drei Viertel der Betroffenen der Niedriglohnbereich eine Sackgasse. Damit verschärft sich die Spaltung am Arbeitsmarkt", sagte Bsirske.

Die Angst der Mittelschicht vor einem Abrutschen in einen so genannten Niedriglohnbereich ist laut Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte am Institut der deutschen Wirtschaft und Autor des Gutachtens, empirisch nicht haltbar. Zwar ist der Niedriglohnsektor in den vergangenen Jahren größer geworden, aber eben nicht auf Kosten der Normalverdiener. "Der Sektor der Normalverdiener – also der Beschäftigten mit einem Stundenlohn oberhalb der Niedriglohnschwelle von neun Euro – blieb vielmehr über den gesamten Beobachtungszeitraum relativ konstant bei rund 45 Prozent der Erwerbsbevölkerung, in den vergangenen Jahren ist er sogar leicht angestiegen".

Ver.di fordert unterdessen, neben einem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn auch die gleiche Bezahlung von Leiharbeitern und Stammarbeit für gleiche Arbeit vom ersten Tag an. Nur so könne der Trend hin zum Niedriglohn gestoppt werden. Außerdem müsse die Ausgrenzung von Beschäftigten durch sachgrundlose Befristungen beendet und der Anteil von Minijobs drastisch zurückgefahren werden.

Quelle:
PM der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und der INSM vom 30.08.2011

© arbeitsrecht.de - (mst)

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