Arbeit & Politik

Mehr Fehltage durch Atemwegserkrankungen und psychische Leiden

Die ersten Auswertungen der Krankenstatistiken zeigen: Auch 2011 wird die Zahl der Fehltage wegen seelischer Leiden der Mitarbeiter ansteigen. Die IG Metall sieht die Grenze der Belastbarkeit erreicht.

Wegen psychischer Leiden wie beispielsweise Depressionen oder Angsterkrankungen kamen auf 100 Versicherte 88 Fehltage. In den ersten sechs Monaten des Vorjahres waren es nur 67 Tage. Damit verfestigt sich auch 2011 der Trend zu immer längeren Fehlzeiten durch psychische Krankheiten, heißt es in einer Mitteilung der Krankenkasse.

Laut IG Metall sind die Ursachen komplex. Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall: "Da sind die heute oftmals anzutreffenden Dauer-Umstrukturierungen in den Betrieben, die durch die Wirkungen der Krise sogar noch zunehmen könnten. Unsicherheit dringt in alle Bereiche des Arbeitslebens ein. Prekäre Beschäftigung gewinnt Größenordnungen wie nie zuvor."

Hinzu komme, dass der Leistungsdruck enorm zugenommen habe, die Anforderungen gingen bis an die Grenzen der Belastbarkeit der Beschäftigten. Neue Arbeitsformen wie Projektarbeit führten zu einer Entgrenzung von Arbeitszeit und Leistung. Burn-out und andere Erkrankungen nehmen zu. Es sei zu beobachten, so Urban, dass in dieser "Ökonomie der Maßlosigkeit" auch immer mehr die unternehmerischen Risiken auf die Beschäftigten abgewälzt werden. Deshalb hängt die Gesundheit oft nur noch an einem "seidenen Faden".

Die Gewerkschaften stellen Prävention und gute Arbeitsgestaltung in den Mittelpunkt. Psychische Belastungen müssten bei den Gefährdungsbeurteilungen ermittelt und bewertet werden, um Präventionsmaßnahmen abzuleiten. "Es gibt noch viel zu wenige Gefährdungsbeurteilungen in den Betrieben, die diesen Ansprüchen genügen. Dies wollen wir ändern, in dem wir die Betriebsräte stärker unterstützten", sagte Urban.

Ebenfalls mit Auswirkungen auf den Krankenstand waren Atemwegserkrankungen, die im ersten Halbjahr überproportional zugenommen haben: 100 Versicherte blieben von Januar bis Juni durchschnittlich 116 Tage wegen Erkältungen und ähnlichen Erkrankungen zu Hause. Im Vergleichzeitraum 2010 waren es exakt 100 Ausfalltage. Ursache: der kalte Winter und eine Erkältungswelle. Der Krankenstand betrug 3,6 Prozent. In den ersten sechs Monaten 2010 lag er noch bei 3,3 Prozent. Durchschnittlich fehlte ein Beschäftigter 6,5 Tage (2010: 5,9 Tage).

Muskel-Skelett-Erkrankungen sind mit einem Anteil von 20,7 Prozent (2010: 21,3 Prozent) für die meisten Ausfalltage verantwortlich. Es folgen Atemwegserkrankungen mit 18 Prozent (2010: 16,8 Prozent) sowie Verletzungen mit 13,6 Prozent (2010: 14,4 Prozent). An vierter Stelle liegen die psychischen Krankheiten. Sie haben im ersten Halbjahr 2011 einen Anteil von 12,7 Prozent am gesamten Krankenstand (2010: 11,4 Prozent).

DAK-Chef Herbert Rebscher hält voreilige Schlüsse für das gesamte Jahr 2011 für verfrüht. Der eisige Winter mit mehr Atemwegsinfekten habe die Entwicklung beeinflusst. Für das gesamte Jahr sei allenfalls mit einem leichten Anstieg des Krankenstandes zu rechnen. Die DAK hat in Kooperation mit dem IGES Institut eine vollständige Analyse der Krankmeldungen ihrer 2,3 Millionen erwerbstätigen Versicherten für das erste Halbjahr vorgenommen.

Quelle:
PM der IG Metall vom 03.08.2011 und der DAK vom 15.07.2011

© arbeitsrecht.de - (mst)

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