Arbeit & Politik

"Mittendrin und dabei"

Das Bundeskabinett hat einen Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention beschlossen. Ein wichtiger Bestandteil ist die Teilhabe am Arbeitsleben.

In den nächsten zehn Jahren sollen die rund 9,6 Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland besser in das gesellschaftliche Leben eingebunden werden. Das Schlüsselwort heißt laut Ursula von der Leyen (CDU), Bundesministerin für Arbeit und Soziales "Inklusion". Das erfordere, den Alltag von Menschen mit Behinderung so zu organisieren, dass sie "selbstverständlich mittendrin und dabei" sind. Bund, Länder, Verbände und Wirtschaft müssten dazu beitragen. Die Bundesregierung geht jetzt mit ihrem Aktionsplan und mehr als 200 Maßnahmen in Vorleistung, so die Ministerin.

Weil Schwerbehinderte Menschen deutlich seltener in Arbeit sind, junge Leute mit Behinderung selten die Chance einer regulären betrieblichen Berufsausbildung bekommen (im Beratungsjahr 2008/2009 haben 20.548 die BA bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz eingeschaltet, davon nahmen 14.057 eine geförderte Ausbildung auf, davon aber nur 1.404 in einer regulären betrieblichen Ausbildung) und ältere schwerbehinderte Menschen deutlich häufiger arbeitslos als Nichtbe­hinderte sind, startet die Bundesregierung die "Initiative Inklusion". Die Rede ist vonG Maßnahmen mit einem finanziellen Gesamtvolumen von 100 Millionen Euro aus dem Ausgleichsfonds. Sie wurde zusammen mit Ländern, der Bundesagentur für Arbeit (BA), Kammern sowie Integrationsämtern und Hauptfürsorgestellen entwickelt.

  • Ab September 2011 werden über zwei Jahre bis zu 10.000 schwerbehinderte Jugendliche intensiv auf das Berufsleben vorbereitet (40 Millionen Euro).

  • Nach neuesten Zahlen der BA befinden sich rund 5800 schwerbehinderte Menschen in einer betrieblichen Ausbildung (Quelle: BA 2009). In den nächsten fünf Jahren werden zusätzlich 1300 neue betriebliche Ausbildungsplätze für behinderte Jugendliche auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt geschaffen (15 Millionen Euro).

  • In den nächsten vier Jahren werden des Weiteren 4000 neue altersge­rechte/alternsgerechte Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen (50plus) auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt geschaffen. (40 Millionen Euro).

  • Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen werden noch zu selten Men­schen mit Behinderungen ausgebildet oder beschäftigt. Das BMAS stellt in den nächsten zwei Jahren fünf Millionen Euro zur Verfügung. Kammern sollen künftig gezielte Mitgliedsunternehmen beraten und für mehr Ausbildungs- und Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen werben.


Ursula von der Leyen: "Arbeiten heißt eine Aufgabe haben, Struktur im Tag, soziale Kon­takte und das gute Gefühl, gebraucht zu werden. Das ist für alle Menschen gleich. Ohne Teilhabe am Arbeitsleben wird es schwer mit der Inklusion behinderter Menschen."

Zudem soll der Bereich schulische Bildung für behinderte Kinder ausgebaut werden. Heute besuchen in Deutschland nur 20,1 Prozent aller Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf eine Regelschule. Die Länder überarbeiten derzeit die "Empfehlungen zur sonderpädagogischen Förderung in den Schulen der Bundesrepublik Deutschland". Die ge­meinsame Bildung von Kindern mit und ohne Behinderung sei laut BMAS ein wichtiger Schwer­punkt.

Nach einer aktuellen repräsentativen Allensbach-Umfrage im Auftrag des BMAS begrüßen 86 Prozent der Befragten den Nationalen Aktionsplan. Dabei sehen die Befragten nicht nur die Bundesregierung und die Politik sondern auch Organisationen und Institutionen wie Arbeitgeber, Gewerkschaften, Wohl­fahrtsverbände und Medien in der Pflicht (86 Prozent). Als wichtigstes Handlungsfeld haben sie den Ausbau der Barrierefreiheit im öffent­lichen Raum - bei Verkehrsmitteln (78 Prozent), in Kultureinrichtungen (68 Prozent) sowie in Ge­schäften und Restaurants (63 Prozent) genannt. Hohe Bedeutung hatte für die Befragten auch die Gleichberechtigung am Arbeits­platz (68 Prozent), der gemeinsame Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern (52 Prozent), eine stärkere Berücksichtigung der Belange von Menschen mit Be­hinderungen bei der Gesetzgebung (52 Prozent) und das noch stärkere Engagement der Wohlfahrtsverbände in diesem Bereich (51 Prozent).

Weitere Informationen zum Thema "Teilhabe" finden sich hier!


Quelle:
PM des BMAS vom 15.06.2011

© arbeitsrecht.de - (mst)

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