Arbeit & Politik

Streit um Zeitarbeit

Zwischen dem Deutschen Gewerkschaftsbund und dem Institut der Deutschen Wirtschaft herrscht Streit über die Wirkungen der Zeitarbeit. Schuld ist eine Studie, die das Beschäftigungsmodell als Konjunkturmotor ausweist.

"Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" - mit dieser Parole fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) seit Monaten die Politik auf, der Leiharbeit enge Grenzen zu stecken, sie "auf ein gesundes Maß zurückzudrängen". Arbeitnehmer sollen sensibilisiert werden für die Gefahren, die von der Leiharbeit ausgehen, etwa unsichere Arbeitsplätze und Lohneinbußen.

Eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln mit dem Titel "Zeitarbeit in Deutschland – Treiber für Flexibilität und Wachstum" untergräbt die Bemühungen der Arbeitnehmervertreter im Kampf gegen prekäre Beschäftigung. Zur IW-Studie sagte DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki, die Analyse gehe an der Realität vorbei. Laut Studie hat die Zeitarbeit einen Anteil von rund 15 Prozent am derzeitigen Aufschwung. Zeitarbeit habe den Unternehmen geholfen, die Wirtschafts- und Finanzkrise ohne Massenentlassungen zu meistern und die benötigten Personalressourcen schnell bereitgestellt. Die Krise hätte ohne Zeitarbeit schwerwiegendere Folgen für die deutsche Wirtschaft gehabt und länger angedauert.

Fluch oder Segen?

Matecki hält dagegen, der Aufschwung beruhe nicht auf dem massenhaften Einsatz der Leiharbeit, die inzwischen einen noch nie dagewesenen Boom mit über 900.000 Beschäftigten erlebe. Vielmehr seien durch erweiterte Kriseninstrumente wie tariflich vereinbarte Arbeitszeitkonten und Kurzarbeit  angestammte Mitarbeiter in den Betrieben gehalten worden. Das habe zum Teil schmerzhafte Einbußen für die Beschäftigten bedeutet. "Gedankt wurden die erbrachten Opfer den Belegschaften nicht. Nach der Krise sind die prekären Beschäftigungsverhältnisse wie Leiharbeit auf dem Vormarsch, und Leiharbeiter werden sogar als Streikbrecher eingesetzt", kritisiert der Gewerkschaftsboss die Arbeitgeberseite.

Mit der ursprünglichen Idee, mit dem Instrument Leiharbeit Produktionsspitzen abzufedern, habe die derzeitige Praxis in den Betrieben nichts mehr zu tun. In der Studie heißt es, "die Erhöhung der personalpolitischen Flexibilität ist der wichtigste Grund für den Einsatz von Zeitarbeit – auch weil diese Unternehmen in einem weitaus volatileren Geschäftsumfeld agieren. Auch die Verfügbarkeit von Arbeitskräften sowie deren Erprobung vor einer Übernahme sind wichtige Motive. Kostengründe spielen hingegen eine untergeordnete Rolle."

Laut Matecki verdienen Leiharbeiter bis zu einem Drittel weniger als die fest Angestellten. 11,5 Prozent von ihnen seien sogar auf ergänzende Hartz-IV-Leistungen angewiesen. Folge dieser großen Zahl an Geringverdienern: Sie fallen als Konsumenten größtenteils aus. Und das hat negativen Wirkungen für die Inlandsnachfrage. Der Afschwung wird nach Einschätzung des DGB nicht von der Leiharbeit, sondern von den Exporten der Unternehmen getragen. Deshalb hält der Gewerkschaftsbund an seiner Forderung fest, Leiharbeit strenger zu reglementieren.


Quelle:
PM des DGB vom 11.05.2011, Studie "Zeitarbeit in Deutschland – Treiber für Flexibilität und Wachstum" vom 09.05.2011

© arbeitsrecht.de - (mst)

Artikel drucken

Ähnliche Artikel aus Arbeit & Politik

Schattenwirtschaftskrise

27.01.2011 | Durch die dynamische Entwicklung der Wirtschaft und den Rückgang der Arbeitslosigkeit verringert sich der Umfang der Schattenwirtschaft. Das zeigt eine Untersuchung der Universität Linz und dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen.  [mehr]

Migranten und ehemalige Sozialhilfeempfänger profitieren von Leiharbeit

14.01.2011 | Leiharbeit ist eine gute Möglichkeit für Arbeitslose, in reguläre Beschäftigung zu kommen - zumindest in Dänemark. Das zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.  [mehr]

Leiharbeit schadet der Integration

12.10.2011 | Einige Zeitarbeitsfirmen nutzen es gezielt aus, dass Beschäftigte auch eine Arbeit zu ausbeuterischen Bedingungen akzeptieren, um ihre Aufenthaltserlaubnis nicht zu gefährden. Das ist das Ergebnis einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung.  [mehr]

EU-KommissionRichtlinienvorschläge zur konzerninternen Entsendung bleiben umstritten

26.06.2012 | Die EU-Kommission hat nun Richtlinienvorschläge vorgelegt, um die Bedingungen für Saisonarbeit und konzerninterne Entsendung innerhalb Europas zu erleichtern. Doch dieser Entwurf stößt bei Experten auf ein unterschiedliches Echo.  [mehr]

Immer mehr Leiharbeiter beim Bund

03.02.2011 | Die Zahl der Leiharbeiter bei Bundesbehörden wuchs zwischen 2008 und 2010 von 771 auf 1593. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor.  [mehr]

Ähnliche Artikel aus den anderen Rubriken:

Rechtsprechung

Missbrauch von LeiharbeitBei dauerndem Beschäftigungsbedarf ist Leiharbeit verboten

15.01.2014 | Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) verbietet die auch nur befristete Beschäftigung von Leiharbeitnehmern, wenn sie einen dauerhaft anfallenden Bedarf abdecken sollen. Mit dieser Entscheidung bekräftigt das Landesarbeitsgericht (LAG) Schleswig-Holstein das Verbot des Missbrauchs von Leiharbeit.  [weiterlesen auf "Arbeitsrecht im Betrieb"]

LeiharbeitUnwirksamer Selbstverleih begründet Arbeitsverhältnis

15.01.2016 | Wenn ein freiberuflicher Kameramann sich selbst über eine eigene Leiharbeitsfirma an einen Fernsehsender verleiht, ist die Arbeitnehmerüberlassung unwirksam. Allerdings kann er auf Feststellung eines Arbeitsverhältnisses mit dem Fernsehsender klagen.  [weiterlesen auf "Arbeitsrecht im Betrieb"]

Gesetzgebung

EU-LeiharbeitsrichtlinieDeutschland hat die Richtlinie umgesetzt

06.12.2011 | Mehr als drei Millionen Zeitarbeiter in Europa können auf gleiche Arbeitsbedingungen hoffen. Seit dem 05.12.2011 muss die Richtlinie über Leiharbeit in allen Mitgliedstaaten im nationalen Recht verankert sein.  [mehr]

Bundesregierung will Missbrauch bei Arbeitnehmerüberlassung eindämmen

20.09.2010 | Die Bundesregierung hat am 02. September einen Gesetzentwurf zur Verhinderung von Missbrauch der Arbeitnehmerüberlassung vorgelegt. Zukünftig soll verhindert werden, dass Arbeitnehmerüberlassung als „Drehtür“ zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen missbraucht wird.  [mehr]

Maßnahmen gegen Missbrauch von Leiharbeit (07/2010)

07.04.2010 | Unternehmen wie Schlecker wird vermehrt vorgeworfen, die Möglichkeit der Arbeitnehmerüberlassung zu Lasten der Beschäftigten ausnutzen. Die Politik hat nun erste Gegenmaßnahmen eingeleitet.  [mehr]

Schrittweise neue Rechte für Leiharbeiter (10/11)

18.05.2011 | Europa hat erfolgreich Druck auf Deutschland gemacht: das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) wurde nach den Anpassungen im Rahmen der Hartz-Reformen erneut modifiziert. Seit dem 1. Mai gelten andere Spielregeln in der Zeitarbeit - unter anderem ohne "Drehtüreffekt".  [mehr]

Aus den Zeitschriften

Arbeitsrecht im Betrieb: Flexibilität oder Lohndumping?

16.11.2010 | Die Bundesregierung plant, das Arbeitnehmer-Überlassungsgesetz (AüG) zu ändern, um europarechtliche Vorgaben für die Leiharbeit umzusetzen. In der AiB nimmt Dr. Thomas Klebe, Justiziar der IG Metall, aus gewerkschaftlicher Sicht Stellung zum Gesetzesentwurf.  [mehr]

Gute Arbeit: Arbeiten auf dem Schleudersitz

26.04.2010 | Leiharbeit baut keine Brücken in reguläre Beschäftigung, sondern schlägt eine Schneise zu dauerhafter Prekarisierung, zu Armutslohn und Existenzunsicherheit. Das Erkrankungsrisiko bei Leiharbeit ist überdurchschnittlich hoch.  [mehr]