Arbeit & Politik

Generation Praktikum – abhängig von Eltern, Zusatzjob und Staat

Nach Ende des Studiums ist eine feste Stelle eine Rarität. Um trotzdem Fuß zu fassen, machen viele Berufseinsteiger ein Praktikum. Eine neue Studie zeigt, knapp die Hälfte der Praktika sind unbezahlt oder werden mit 3,77 Euro pro Stunde vergütet.

Ein Großteil der befragten Praktikantinnen und Praktikanten mit Studienabschluss muss seinen Lebensunterhalt aus anderen Quellen finanzieren: 56 Prozent erhielten finanzielle Unterstützung von ihren Eltern, jeweils 43 Prozent brauchten eigene Ersparnisse auf oder hatten noch einen Zusatzjob. 23 Prozent mussten Unterstützung ihres Partners oder ihrer Partnerin in Anspruch nehmen. 22 Prozent waren während des Praktikums auf Sozialleistungen angewiesen. Das ergab eine Umfrage von Heidemarie Hecht, Absolventenforscherin an der Freien Universität Berlin, und Dr. Boris Schmidt. Sie befragten im Herbst und Winter 2010 insgesamt 674 Absolventinnen und Absolventen der Universitäten Hamburg, Rostock, Köln und der FU Berlin mit einem Online-Fragebogen.

Die Untersuchung sollte zeigen, welche Praktika den Hoffnungen auf eine Übernahme und einen unbefristeten Job gerecht werden und welche nicht, wie die Absolventen ihre Situation erleben und welche Regulierungsvorschläge sie befürworten. Die Untersuchung "Generation Praktikum 2011" wurde von der Hans-Böckler-Stiftung und der DGB-Jugend gefördert, ist jedoch nicht repräsentativ. Der umfangreiche Fragebogen erlaubt aber umfassende Einblicke in die Erfahrungen der Absolvent(inn)en. Die befragten Jung-Akademiker hatten ihr Studium im Jahr 2007 abgeschlossen. Die Untersuchung deckt eine Berufseinstiegsphase von rund dreieinhalb Jahren ab.

So berichteten 38 Prozent der Absolventen, in den dreieinhalb Jahren nach Studienabschluss ein oder mehrere Praktika, eine Hospitation, ein Volontariat oder eine andere praktikumsähnliche Beschäftigungsform absolviert zu haben. 29 Prozent haben in diesem Zeitraum ein oder mehrere "echte" Praktika gemacht. 28 Prozent der Befragten gaben an, direkt nach dem Abschluss ein Praktikum oder eine ähnliche Beschäftigungsform aufgenommen zu haben. Zum Vergleich: Unter den Befragten nannten 19 Prozent als erste Beschäftigung nach dem Studienabschluss eine unbefristete Stelle. 27 Prozent waren zunächst befristet beschäftigt. Auch wenn beide Werte in einer repräsentativen Stichprobe höher ausfallen dürften, seien Praktika nach Studienabschluss keineswegs Randerscheinungen, so die Forscher.

Praktika werden schlecht oder gar nicht bezahlt

Rund 40 Prozent dieser Praktika sind nach der Studie unbezahlt. Bei den Bezahlten betrug der durchschnittliche Bruttolohn lediglich 3,77 Euro pro Stunde oder rund 550 Euro pro Monat. Ein Großteil der befragten Praktikantinnen und Praktikanten mit Studienabschluss musste seinen Lebensunterhalt daher aus anderen Quellen finanzieren: 56 Prozent erhielten finanzielle Unterstützung von ihren Eltern, jeweils 43 Prozent brauchten eigene Ersparnisse auf oder hatten noch einen Zusatzjob. 23 Prozent mussten Unterstützung ihres Partners oder ihrer Partnerin in Anspruch nehmen. 22 Prozent waren während des Praktikums auf Sozialleistungen angewiesen.

Wer nach dem Abschluss als Praktikant arbeitet, tut das nach den Ergebnissen der Befragung im Durchschnitt über knapp fünf Monate. 55 Prozent der Praktika dauern bis zu drei Monate, weitere 32 Prozent drei bis sechs Monate. Immerhin neun Prozent der untersuchten Praktika dauern länger als neun Monate. Die Häufigkeit von Praktika nach dem Examen hängt stark von der Studienrichtung ab.

Praktikanten starten mit einem "gewissen Nachteil" ins Berufsleben

Kurzfristig, so die Forscher, starten Absolventinnen und Absolventen, die Praktika machen müssen "mit einem gewissen Nachteil ins Berufsleben". Auf längere Sicht gleiche sich ihre berufliche Entwicklung aber tendenziell der an, die Absolventen ohne Praktika genommen haben. "Praktika sind keine Karrierebremsen, aber auch kein sicherer Einstieg", schreiben Heidemarie Hecht und Dr. Boris Schmidt in ihrem Resümee.

Am Ende der untersuchten Berufseinstiegsphase, also dreieinhalb Jahre nach dem Abschluss, seien in beiden Gruppen rund 90 Prozent der Absolventen "in eine annähernd stabile berufliche Beschäftigungssituation gelangt." Allerdings war das auch dann nur bei 36 Prozent aller Befragten gleichbedeutend mit einer unbefristeten Stelle. Hier war der Anteil unter den Absolventen mit Praktikumserfahrung mit 30 Prozent spürbar niedriger. 28 Prozent aller befragten Absolventen waren nach gut drei Jahren befristet beschäftigt, 12 Prozent arbeiteten freiberuflich oder selbständig. 21 Prozent machten eine Zusatzausbildung oder schrieben an ihrer Promotion.

Quelle:
PM der Hans-Böckler-Stiftung vom 04.05.2011

© arbeitsrecht.de - (akr)


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