Arbeit & Politik

Bildungsbericht 2011: Weniger ist mehr

Bildungsministerin Annette Schavan hat den Berufsbildungsbericht 2011 vorgelegt. Laut Bericht hat sich die Ausbildungslage im vergangenen Jahr für Ausbildungsbewerber weiter verbessert - trotz eines Rückgangs der Vertragsabschlüsse gegnüber dem Krisenjahr 2009.

Die Ausbildungslage für junge Menschen in Deutschland hat sich trotz globaler Finanz- und Wirtschaftskrise weiter verbessert, so das Fazit des Berufsbildungsberichts 2011. Das kräftige Wirtschaftswachstum, eine vorausschauende Personalpolitik der Unternehmen sowie der demografisch bedingte Rückgang von Ausbildungsbewerbern seien hierfür wesentliche Gründe.

Bundesweit wurden vom 1. Oktober 2009 bis zum 30. September 2010 560.073 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen (Vorjahr: 564.307). Der leichte Rückgang um 4.234 ist insbesondere auf die neuen Länder zurückzuführen und stellt eine unmittelbare Folge der demografischen Entwicklung dar. In den alten Ländern wurden mehr Verträge abgeschlossen als im Vorjahr. Erfreulich sei, dass mit 519.030 wieder ein Plus bei den betrieblichen Ausbildungsverträgen verzeichnet werden konnte. Diese Ergennisse seien "deutlich besser ausgefallen als erwartet".

In einer Mitteilung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) heißt es, mit der zunehmenden Entspannung des Ausbildungsmarktes gehe auch die Zahl der Eintritte in das so genannte Übergangssystem wieder zurück. Das "Übergangssystem" bietet jungen Menschen, die nicht über die notwendigen Voraussetzungen für die Aufnahme einer Berufsausbildung verfügen oder keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, die Möglichkeit, ihre individuellen Chancen für die Aufnahme einer Ausbildung zu verbessern. In den Jahren 2002 bis 2005 war der Anteil der jungen Menschen in Maßnahmen des Übergangssystems in Folge der angespannten Ausbildungsmarktsituation deutlich angestiegen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) teilt die Interpretation des Bildungsberichts seitens des Ministeriums nicht. Allein im Jahr 2010 seien mehr als 320.000 Jugendliche in den Warteschleifen und Ersatzmaßnahmen des Übergangssystems gelandet. Der Gewerkschaftsbund erkennt Nachholbedarf beim Ausbildungsplatzangebot und fordert, dass Jugendliche, die mangels Angebote keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden, spätestens sechs Monate nach Beginn des Ausbildungsjahres einen Rechtsanspruch auf eine außerbetriebliche Ausbildung erhalten. Außerdem müsste die Einstiegsqualifizierung (EQ) neu ausgerichtet werden, mit höherer
Zielgenauigkeit auf individuell benachteiligte Jugendliche. Dabei ist insbesondere die
Verknüpfung mit Tarifverträgen zur Förderung der Berufsreife zu suchen, heißt es in den Vorschlägen des DGB zur Reform der arbeitsmarktpolitischen Instrumente. Die Berufseinstiegsbegleitung als Instrument der individuellen Begleitung in die Ausbildung sollte flächendeckend für am Ausbildungsmarkt benachteiligte Schüler angeboten werden. Für besondere Personengruppen sollte auch eine Begleitung an der zweiten Schwelle – dem Übergang von der Ausbildung in den Beruf – förderfähig werden, um die Stabilität des Berufseinstiegs abzusichern. Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB) sind ausschließlich auf Jugendliche zu begrenzen, die eine zusätzliche Vorbereitung benötigen, so die forderung das DGB. Die Maßnahmen müssten qualitativ so gestaltet werden, dass die Inhalte bei einer anschließenden Ausbildung verwendet und auf die Ausbildungszeit angerechnet werden können. Die BvB sollten möglichst in Zusammenarbeit mit Betrieben durchgeführt werden.

Laut Bildungsbericht registrierte die Bundesagentur für Arbeit erneut mehr "unbesetzte Berufsausbildungsstellen" als "unversorgte Bewerber/Bewerberinnen". Der DGB führt das darauf zurück, dass der Ausbildungspakt von Bundesregierung und Spitzenverbänden der Wirtschaft auch Jugendliche als versorgt zählt, die keinen Ausbildungsplatz erhalten, sich aber mit Bewerbungstrainings, Praktika und Einstiegsqualifizierungen "über Wasser halten". So werde der Blick auf die tatsächliche Lage am Ausbildungsmarkt verstellt.

Die Ausbildungsmarktsituation wird sich im Jahr 2011 voraussichtlich weiter entspannen, so die Prognose. Im Berufsbildungsbericht ist von einem Anstieg des Ausbildungsangebots die Rede. Der Trend, dass die Schulabgängerzahlen aus allgemein bildenden Schulen seit einigen Jahren sinken, werde durch die doppelten Abiturientenjahrgänge vorübergehend unterbrochen. Bedeutsam für den Ausbildungsmarkt seien Abgänger mit mittlerem Schulabschluss, deren demografisch bedingter Rückgang in kommenden Jahren sogar zu Nachwuchsproblemen führen könnte. 


Quelle:
PM des BMBF und des DGB vom 06.04.2011

© arbeitsrecht.de - (mst)

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