Arbeit & Politik

Zurück ins Arbeitsleben

Krankenrückkehrgespräche führen häufig zu Misstrauen zwischen Führungskräften und ihren Mitarbeitern. Sie verbessern weder das Betriebsklima noch die Führungskultur. Das geht aus einer Auswertung entsprechender Betriebsvereinbarungen seitens der Hans-Böcker-Stiftung hervor.

In vielen Betrieben haben Arbeitnehmer nach längerer krankheitsbedingter Abwesenheit die Pflicht, sich einem formalisierten Krankenrückkehrgespräch mit dem Vorgesetzten zu stellen. Die vorliegende Auswertung analysiert Betriebsvereinbarungen zu diesem Thema und zum ganzheitlichen betrieblichen Fehlzeitenmanagement. Sie zeigt, dass diese personalpolitischen Instrumente offensichtlich zahlreiche rechtliche und betriebspolitische Probleme und Widersprüche aufwerfen.

Viele der 27 analysierten Regelungen, die zwischen 1972 und 2009 abgeschlosssen worden sind, laufen laut Auswertung inzwischen wichtigen aktuellen Trends in Unternehmen und Gesellschaft zuwider. Hierzu zählen der demografische Wandel und der daraus resultierende Fachkräftemangel, der seit Jahren sinkende Krankenstand in Betrieben und Behörden, der gestärkte Stellenwert des Beschäftigtendatenschutzes, die durch das Bundesarbeitsgericht geforderte Berücksichtigung der Mindestanforderungen des betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM) und nicht zuletzt die seit Jahren steigenden physischen und psychischen Belastungen und Beanspruchungen der Beschäftigten. Um insgesamt eine nachhaltige betriebliche Gesundheitspolitik betreiben zu können, sollten Betriebsparteien die Gefahren zur Kenntnis nehmen, die entstehen, wenn Mitarbeiter krank zur Arbeit gehen. Die vorliegenden Betriebsvereinbarungen, auch die aktuellen, vernachlässigen dieses Phänomen (so genannter Präsentismus) ausnahmslos.

Zudem würden die Anforderungen des Beschäftigtendatenschutzes bei der Ausgestaltung der Krankenrückkehrgespräche in den Vereinbarungen meist nicht angemessen umgesetzt. Die neuen Ansätze in Richtung einer kontinuierlichen Verbesserung des Arbeitsschutzes, die sich im Arbeitsschutzgesetz von 1996 konkretisieren, werden nicht berücksichtigt. Der Stellenwert der Gefährdungsbeurteilung als Evaluationsinstrument wird fast durchgehend verkannt, so eine der Schlussfolgerungen aus der Auswertung.

Disziplinierung statt Fürsorge

In einigen aktuellen Betriebsvereinbarungen werden Krankenrückkehrgespräche zudem als Mittel zur Umsetzung des BEM aufgefasst. Dies verstößt jedoch sowohl gegen die Anforderungen des § 84 Abs. 2 SGB IX als auch gegen die Anforderungen an ein ordnungsgemäßes BEM, wie sie das Bundesarbeitsgericht fordert. In den Betriebsvereinbarungen überwiegen die gestuften Krankenrückkehrgespräche, deren Disziplinierungsfunktion offen zu Tage tritt. Die fürsorglichen Krankenrückkehrgespräche, die eher frei von Disziplinierung und Kontrolle gestaltet und als tatsächliche Gesundheitsgespräche gewertet werden können, wurden in den zugrundeliegenden Vereinbarungen nicht umgesetzt.

Fast alle Betriebsvereinbarungen dokumentieren gleichzeitig, dass Krankenrückkehrgespräche in der Regel mit weiteren flankierenden Maßnahmen des Fehlzeitenmanagements verknüpft werden. Die Untersuchung zeigt, dass viele bekannte Instrumente des betrieblichen Fehlzeitenmanagements sich auch in den vorliegenden Vereinbarungen zusätzlich zu den Krankenrückkehrgesprächen nachweisen lassen und vorrangig der Kontrolle dienen.

Die Krankenrückkehrgespräche in ihren verschiedenen Ausgestaltungen, wie sie sich in den zu Grunde liegenden Betriebsvereinbarungen darstellen, können zu Misstrauen zwischen Führungskräften und ihren Mitarbeitern führen, so das fazit der Untersuchung. Sie verbessern das Betriebsklima und die Führungskultur nicht nachhaltig, sondern erzeugen Misstrauen und Ängste. Führungskräfte sind durch das System der formalisierten Krankenrückkehrgespräche oftmals überfordert. Die vorliegenden Betriebsvereinbarungen entwickeln hierfür und für krank machendes Vorgesetztenverhalten als eine Ursache für Arbeitsunfähigkeitszeiten kein Gespür.

Den Interessenvertretungen bleiben zahlreiche Handlungsmöglichkeiten, um Krankenrückkehrgespräche zu blockieren, abzuschaffen oder auch in Richtung von Gesundheitsgesprächen umzugestalten. Zudem können Betriebs- und Personalräte rechtliche Ansatzpunkte bei der Einführung und Anwendung von Krankenrückkehrgesprächen und anderen Instrumenten des Fehlzeitenmanagements nutzen.

Quelle:
PM der HBS vom 02.02.2011

© arbeitsrecht.de - (mst)

Artikel drucken
  • Xing
  • deli.cio.us

Ähnliche Artikel aus Arbeit & Politik

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz verursachen Kosten in Milliardenhöhe

07.11.2011 | Psychische Probleme sind nach einer aktuellen Studie eine wesentliche Ursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. Um so wichiger, dass Unternehmen konsequent auf betriebliche Gesundheitspolitik setzen. [mehr]

Gesundheitsvorsorge beginnt am Arbeitsplatz

12.04.2011 | Wer sich richtig ernährt und viel bewegt, bleibt fit und hält den Arzt fern. Denn gesunde Kost und Mobilität stärken das Herz und wirken sich günstig auf Blutfettwerte, Blutzuckerspiegel und das Gewicht aus. Von gesundheitsbewussten Mitarbeitern profitieren auch die Arbeitgeber. [mehr]

Beschäftigte in Deutschland häufiger krank

19.07.2010 | Die Krankenstände in deutschen Betrieben sind Presseberichten zufolge in den ersten sechs Monaten 2010 auf den höchsten Halbjahres-Stand seit fünf Jahren geklettert. [mehr]

Mehr Fehltage durch Atemwegserkrankungen und psychische Leiden

03.08.2011 | Die ersten Auswertungen der Krankenstatistiken zeigen: Auch 2011 wird die Zahl der Fehltage wegen seelischer Leiden der Mitarbeiter ansteigen. Die IG Metall sieht die Grenze der Belastbarkeit erreicht. [mehr]

HIV und Arbeit

01.12.2010 | Zum Welt-Aids-Tag hat Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler die neue Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter dem Motto "Positiv zusammen leben – aber sicher!" gestartet. Einer der Schwerpunkte: Der Umgang mit der Krankheit am Arbeitsplatz. [mehr]

Ähnliche Artikel aus den anderen Rubriken:

Rechtsprechung

Sehnenscheidenentzündung als Berufskrankheit anerkannt

15.04.2011 | Einer Finanzbeamtin, die ständig am Computer arbeitet, steht die Anerkennung ihrer mittlerweile chronischen Sehnenscheidenentzündung als Berufskrankheit zu. Das entschied das Verwaltungsgericht Aachen. [mehr]

Verminderter Geruchssinn als Berufskrankheit

10.03.2011 | Das Landessozialgericht Baden-Württemberg in Stuttgart hat vermindertes Riechvermögen bei der Personengruppe der im Bereich Montage und Reparatur von Transformatoren Versicherten als mit einer Berufskrankheit vergleichbare Erkrankung eingestuft. [mehr]

Gesetzgebung

Bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf

17.02.2011 | Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland werden zu Hause versorgt, viele im Familienkreis. Damit sich Berufstätige um ihren Job und um die pflegebedürftigen Angehörigen kümmern können, soll im Januar 2012 das Familienpflegezeitgesetz kommen - laut Familienministerin ein Meilenstein für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. [mehr]

Anzeige- und Nachweispflicht bei Krankheit (20/2008)

24.09.2008 | Mit Beginn der kühleren Jahreszeit kann es leicht zu einer Erkältung kommen. Damit dies nicht auch zu unterkühlten Verhältnissen am Arbeitsplatz führt, sollten Sie bei einer Krankmeldung ein paar Spielregeln beachten. [mehr]

Wissenswertes zum PflegezeitgesetzWohin mit Opa, wenn Mutter arbeiten muss? (01/12)

11.01.2012 | Wenn in der Familie plötzlich ein Pflegefall auftritt, sehen sich die berufstätigen Angehörigen vor eine schwierige Situation gestellt. Hilfe bietet das Pflegezeitgesetz (PflegeZG), das bislang in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen wurde. Rechtsanwältin Dörthe Hackbarth erläutert, welche Möglichkeiten das Gesetz für die Arbeitnehmer bereit hält. [mehr]

Aus den Zeitschriften

Arbeitsrecht im Betrieb: Psychische Gesundheit erhalten!

23.09.2010 | Psychische Belastungen sind Ursache für viele körperliche und seelische Krankheiten. Betriebsräte können dagegen vorgehen, dass Beschäftigte durch überhöhten Leistungsdruck, geringe Anerkennung und unsichere Arbeitsbedingungen krank gemacht werden. [mehr]

Gute Arbeit: Arbeitswelt und seelische Gesundheit

11.05.2011 | Immer mehr Menschen können mit der Dynamik des Wirtschaftslebens auf Dauer nicht mithalten. Viele werden darüber seelisch krank, manche mit der Folge der Frühinvalidität. [mehr]