Arbeit & Politik

Steuersystem behindert berufliche Chancen von Müttern

Im deutschen Steuersystem gelingt es Müttern und Alleinerziehenden nur selten, von Minijobs in besser bezahlte Tätigkeiten aufzusteigen. Das zeigt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn.

Laut Studie verbleiben in einem typischen Vier-Personen-Haushalt, in dem der Mann 100 Prozent des Durchschnittsverdienstes erzielt, die Frau 33 Prozent, von jedem zusätzlich verdienten Euro der Frau nur 50 Cent in der Familienkasse. Die andere Hälfte gehe an den Fiskus. Diese so genannte Grenzbelastung liege auch in traditionellen Hochsteuerländern wie Dänemark oder Schweden mit 42 beziehungsweise 30 Prozent deutlich niedriger. Damit werde Müttern und Alleinerziehenden im deutschen Steuersystem der Übergang aus einer atypischen in eine reguläre Beschäftigung erheblich erschwert.

In bestimmten Fällen liege die Grenzbelastung in Deutschland noch weitaus höher: Übersteigt das Bruttoeinkommen der Ehefrau die 400-Euro-Grenze, muss Einkommensteuer auf die gesamten Arbeitseinkünfte gezahlt werden. Bei 500 Euro brutto fallen bei einem Steuersatz von 25 Prozent (ohne Berücksichtigung von Vorteilen aus dem Ehegatten-Splitting) 125 Euro Einkommensteuer an. Das Nettoeinkommen liegt also mit 375 Euro unter dem eines 400 Euro-Jobs, heißt es in einer Mitteilung der Bertelsmann Stiftung. Die gegenwärtige Minijob-Regelung werde zur "Geringfügigkeitsfalle", aus der es sich zumindest aus finanziellen Gründen nicht zu entkommen lohnt.

Minijobs, die in der Regel gering qualifiziert und niedrig entlohnt sind, bieten kaum Möglichkeiten für Weiterbildung und berufliche Entwicklung. Darüber hinaus werden laut Studie nur geringe eigene Ansprüche in der gesetzlichen Rentenversicherung erworben. Derartige Beschäftigungsverhältnisse führen nicht nur zu Finanzierungsausfällen in der Sozialversicherung und zu mangelnder Absicherung, sondern im Rahmen der Alterssicherung auch zu größerer Abhängigkeit von Frauen gegenüber dem Partner. Die Erwerbsintegration von Müttern über geringfügige Tätigkeiten hinaus zu verbessern, würde es dagegen auch Vätern ermöglichen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren und somit insgesamt Haus- und Familienarbeit gleichmäßiger zu verteilen.

Die Stiftung schlägt vor, die Freigrenze von 400 Euro durch einen Freibetrag in entsprechender Höhe zu ersetzen. Im Gegensatz zu anderen Freibeträgen, die zwischen den Ehepartnern übertragbar sind, sollte der Minijob-Freibetrag ausschließlich dem Zweitverdiener zugutekommen und nicht dem Erstverdiener angerechnet werden, um Mitnahmeeffekte zu vermeiden. Damit ließen sich die hohen Grenzbelastungen oberhalb von 400 Euro entschärfen. 

Quelle:
PM der Bertelsmann Stiftung vom 25.11.2010

© arbeitsrecht.de - (mst)

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