Arbeit & Politik

Die Katze im Sack

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes startet am 25. November 2010 ein Modellprojekt zum anonymisierten Bewerbungsverfahren. Sieben große Unternehmen und Behörden werden ein Jahr lang neues Personal anhand anonymer Bewerbungen rekrutieren.

Die anonymen Lebensläufe der Bewerber sollen kein Foto, keinen Namen, keine Adresse, kein Geburtsdatum und keine Angaben zu Geschlecht, Herkunft und Familienstand enthalten. Im Vordergrund stehen Qualifikation, Kompetenz und fachliche Eignung. Personalverantwortliche können in Betracht kommende Bewerber nur noch anhand dieser Merkmale auswählen und zu einem Gespräch einladen. Das soll verhindern, dass Bewerber bereits in der ersten Stufe des Auswahlverfahrens beispielsweise aufgrund ihres Alters scheitern und keine Möglichkeit bekommen, sich persönlich zu präsentieren. Zur Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch wird die Anonymität dann aufgehoben.

Nach einem Jahr sollen Personalverantwortliche erläutern, ob sie das Verfahren der anonymen Bewerbung für praktikabel halten , heißt es in einer Mitteilung der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages. Die Erfahrungen der Bewerber werden abgefragt. Zudem wird untersucht, ob es bestimmte Personengruppen mit der anonymen Bewerbung häufiger in ein Bewerbungsgespräch schaffen.

Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt sei in den vergangenen Jahren empirisch durch eine Reihe von Feldversuchen belegt worden. Die Universität Konstanz habe in einer Studie ermittelt, dass die Angabe eines türkisch klingenden Namens im Lebenslauf die Chance, eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch für ein studienbegleitendes Praktikum zu erhalten, um 14 Prozent reduziert. In kleineren Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten betrug der Wert sogar 24 Prozent.

Arbeitgeber- und Unternehmensverbände stehen der anonymen Bewerbung skeptisch gegenüber. Sie kritisieren beispielsweise, dass das anonyme Bewerbungsverfahren nicht praktikabel und mit viel Aufwand für die Unternehmen verbunden sei.

An dem in Deutschland bislang einmaligen Modellprojekt beteiligen sich das Kosmetikunternehmen L´Oréal, der Dienstleister Mydays, der Konzern Procter & Gamble, die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, die Bundesagentur für Arbeit in Nordrhein-Westfalen und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

Quelle:
Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages vom 19.11.2010

© arbeitsrecht.de - (mst)

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