Arbeit & Politik

Aufschwung geht an den Jungen vorbei

Besonders junge Menschen sind von prekären Arbeitsverhältnissen wie Praktika, Leiharbeit und befristete Jobs betroffen. Das belegt eine Studie im Auftrag der IG Metall, die erforschen sollte, welche Entwicklungen die berufliche Situation der jungen Generation bestimmen.

Im Fokus der TNS Infratest-Studie steht die Generation der 14- bis 34-Jährigen sowie deren Stimmung und Zukunftserwartung. Das Institut untersuchte, welche Einstellungen, Ängste und Erwartungen aktuell junge Menschen insbesondere zur beruflichen Situation und Perspektive prägen und wie sich diese gegenüber der Vorläuferstudie aus 2009 verändert haben.

"Im wirtschaftlichen Aufschwung werden die Jungen abgehängt und im Erwerbsleben an den Rand gedrängt. Der Aufschwung geht an der jungen Generation vorbei", attestierte der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel.

Die Prekarisierung der jungen Generation steige auf hohem Niveau auch nach der Krise weiter an und werde zu einer entscheidenden strukturellen Erfahrung, kritisierte der Gewerkschafter. Dies zeige sich insbesondere am hohen Anteil befristeter Stellen. Mehr als ein Viertel der befragten jungen Erwerbstätigen gab an, im bisherigen Berufsleben nur befristet beschäftigt gewesen zu sein. Ein Fünftel der Beschäftigten unter 35 arbeitet in Teilzeit, obwohl bei der Mehrheit der Wunsch nach einer Vollzeitstelle bestehe. Auch der Effekt, wonach Leiharbeit zur Übernahme führe, bleibt laut der Studie eine Ausnahme und hat sich gegenüber dem Vorjahr noch verschlechtert.

Der Untersuchung zufolge betreffen Prekäre Arbeitsverhältnisse junge Menschen überproportional. Mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen bis 24 Jahre sind befristet oder in Leiharbeit beschäftigt oder gehen einer ABM/SAM-Maßnahme nach. Gegenüber 2009 arbeiten zwei Prozent mehr in prekären Jobs, die unter 35 Jahre alt sind. Ihr Anteil erreichte die 30 Prozent-Marke. Besonders gravierend trifft es die 20- bis 24-Jährigen: Mit neun Prozent stieg ihr Anteil an den prekär Beschäftigten auf 45 Prozent. Bei den über 35-Jährigen blieb der Anteil unverändert bei 16 Prozent.

Der ehemals klassische Weg "Schule - Ausbildung/Studium - unbefristete Beschäftigung" stelle zunehmend die Ausnahme dar. 36 Prozent der 20- bis 24-Jährigen haben bisher ausschließlich befristet gearbeitet. Trotz Aufschwung sind aktuell 28 Prozent der jungen Erwerbstätigen, die unter 35 sind, seit ihrem Berufseinstieg befristet beschäftigt. Ihr Anteil ist seit 2009 noch mal um sechs Prozent gestiegen.

Damit bestätigt die Studie, dass prekäre Arbeit kein vorübergehendes Phänomen zu Beginn des Berufslebens ist, sondern langfristige Realität für viele, heißt es in einer Mitteilung der Gewerkschaft. Die Annahme, Leiharbeit habe eine strukturelle Brückenfunktion in ein festes Arbeitsverhältnis beim Entleihbetrieb, hätten die Infratest-Forscher eindeutig widerlegt. Eine solche Übernahme ("Klebeeffekt") bleibt die Ausnahme und ist trotz Aufschwung erneut gesunken. Der sogenannte "Klebeeffekt" bei jungen Leiharbeiternehmern, die unter 35 sind, liegt aktuell bei rund sieben Prozent. 2009 waren es noch neun Prozent. Noch seltener wären Übernahmen, wenn sie nicht von Gewerkschaften durch betriebliche Vereinbarungen ermöglicht würden.

Quelle:
PM der IG Metall vom 18.10.2010

© arbeitsrecht.de - (mst)

Artikel drucken
  • Xing

Ähnliche Artikel aus Arbeit & Politik

Urteil mit Folgen für die Leiharbeit

16.12.2010 | Die Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Personalserviceagenturen darf keine Tarifverträge abschließen. Dieser Richterspruch aus Erfurt sorgt für Wirbel in der Zeitarbeitsbranche. Die IG Metall erwartet Nachforderungen in Milliardenhöhe gegen Ver- und Entleiher.  [mehr]

Kein Trend zum Turbo-Arbeitsmarkt

08.10.2010 | Weder in Deutschland noch in anderen europäischen Ländern sind die Erwerbskarrieren instabiler geworden, berichtet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Durchschnittsdauer der Betriebszugehörigkeit von Arbeitnehmern in Deutschland beträgt knapp elf Jahre.  [mehr]

Anträge zur Streichung der "sachgrundlosen Befristung" scheitern

05.10.2010 | Bei einer Anhörung des Ausschusses für Arbeit und Soziales hat sich die Mehrheit der geladenen Experten für eine Beibehaltung der sogenannten "sachgrundlosen Befristung" bei Arbeitsverhältnissen auf Zeit ausgesprochen.  [mehr]

EU-KommissionRichtlinienvorschläge zur konzerninternen Entsendung bleiben umstritten

26.06.2012 | Die EU-Kommission hat nun Richtlinienvorschläge vorgelegt, um die Bedingungen für Saisonarbeit und konzerninterne Entsendung innerhalb Europas zu erleichtern. Doch dieser Entwurf stößt bei Experten auf ein unterschiedliches Echo.  [mehr]

ZeitarbeitIG Metall rechnet mit weiteren Klagen auf Entgeltnachzahlung

15.06.2012 | Nach den Entscheidungen des Bundesarbeitsgerichts (BAG) vom 22. und 23.5.2012 erwartet die IG Metall eine Vielzahl von weiteren Klagen von Leiharbeitnehmern, die nach Verträgen der Christlichen Gewerkschaft für Zeitarbeit und Personalserviceagenturen (CGZP) entlohnt wurden. Dies meldet das Handelsblatt unter Bezugnahme auf ein dpa-Interview mit dem IG-Metall-Justiziar Thomas Klebe.  [mehr]

Ähnliche Artikel aus den anderen Rubriken:

Rechtsprechung

ArbeitnehmerüberlassungLeiharbeit und Befristung als Schutz vor tariflichen Löhnen

24.10.2012 | Das Bundesarbeitsgericht hat einer Arbeitnehmerin Recht gegeben, die gegen ihren sachgrundlos befristeten Arbeitsvertrag geklagte hatte. Die beklagte Arbeitgeberin hatte die Klägerin bereits zuvor als Leiharbeiterin über eine abenteuerliche Vertragskonstruktion beschäftigt, um das Anschlussverbot des Befristungsrechts zu umgehen.  [mehr]

Konzerneigene ArbeitnehmerüberlassungLeiharbeit und Kettenbefristungen sind nicht zwingend unwirksam

13.11.2012 | Eine missbräuchliche Arbeitnehmerüberlassung liegt nicht schon dann vor, wenn ein Zeitarbeitsunternehmen seine Arbeitnehmer ausschließlich konzernintern verleiht. Ebenso kann durch Tarifvertrag die Anzahl oder Höchstdauer von Befristungen abweichend vom Gesetz festgelegt werden.  [mehr]

Gesetzgebung

Bundesregierung will Missbrauch bei Arbeitnehmerüberlassung eindämmen

20.09.2010 | Die Bundesregierung hat am 02. September einen Gesetzentwurf zur Verhinderung von Missbrauch der Arbeitnehmerüberlassung vorgelegt. Zukünftig soll verhindert werden, dass Arbeitnehmerüberlassung als „Drehtür“ zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen missbraucht wird.  [mehr]

Schutz vor Missbrauch der Zeitarbeit

17.12.2010 | Zeitarbeit macht aus Sicht der Bundesregierung die Wirtschaft flexibler und stärkt den Arbeitsmarkt - vor allem in Krisenzeiten. Um Benachteiligungen von Zeitarbeitern zu verhindern, hat das Kabinett Änderungen des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes beschlossen.  [mehr]

Arbeitshilfen

Rechtslexikon: Zeitbefristung

29.01.2010 | Gemäß § 14 Abs. 2 TzBfG ist die kalendermäßige Befristung eines Arbeitsvertrags ohne Sachgrund i.S.d. Abs. 1 nur bis zur Dauer von zwei Jahren und nur bei einer erstmaligen Einstellung möglich (dies soll demnächst geändert werden).  [mehr]

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (08/2008)

09.04.2008 | Seit sich Mitte der 70er Jahre an deutschen Hochschulen das Phänomen der "befristeten Wissenschaftsmitarbeiter" immer weiter ausbreitet, rückt die Frage der Zulässigkeit solcher Befristungen stärker in den Fokus. Mit Inkrafttreten des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes hat sich der Gesetzgeber erneut dieser drängenden Fragestellung angenommen.  [mehr]

Maßnahmen gegen Missbrauch von Leiharbeit (07/2010)

07.04.2010 | Unternehmen wie Schlecker wird vermehrt vorgeworfen, die Möglichkeit der Arbeitnehmerüberlassung zu Lasten der Beschäftigten ausnutzen. Die Politik hat nun erste Gegenmaßnahmen eingeleitet.  [mehr]

Aus den Zeitschriften

Arbeit und Recht: Durchsetzung von Entfristungsansprüchen

15.11.2011 | Nach einer Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts zur sachgrundlosen Befristung stellt sich für Rechtsanwälte die Frage, ob und wie im Rahmen eines arbeitsrechtlichen Mandats der Anspruch auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag noch durchgesetzt werden kann.  [mehr]

Arbeit und Recht: EU-Recht bei der Leihrbeit durchsetzen

29.11.2011 | Hat Deutschland die EU-Leiharbeitsrichtlinie angemessen und effektiv umgesetzt? Im AuR-Kommentar nimmt der DGB-Vorsitzende Michael Sommer kritisch zur Umsetzung der Richtlinie durch den deutschen Gesetzgeber Stellung.  [mehr]