Arbeit & Politik

Arbeiten Deutsche zu lange?

Das Statistische Bundesamt hat eine Studie über die Qualität der Arbeit in Deutschland vorgelegt. Jeder Zehnte ist der Meinung, er arbeitet zu lange.

Die durchschnittliche Arbeitszeit betrug im Jahr 2009 35,8 Stunden je Woche. Knapp zehn Prozent, 3,8 Millionen, der Erwerbstätigen arbeiten laut Statistischem Bundesamt (Destatis) mehr als 48 Stunden je Woche. Die Angaben beruhen auf der Selbsteinschätzung der Befragten im Rahmen der Arbeitskräfteerhebung. 48 Stunden ist die im Arbeitszeitgesetz festgelegte Obergrenze für eine Sechs-Tage-Woche, für die allerdings einige Ausnahmen möglich sind – etwa aufgrund von Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen.

Für 4,3 Prozent (1,7 Millionen) beträgt die wöchentliche Arbeitszeit 60 Stunden und mehr. Dabei sei zu berücksichtigen, dass fast jeder zweite Selbstständige von überlangen Arbeitszeiten betroffen ist, aber nur 5,3 Prozent der Arbeitnehmer, heißt es in einer Mitteilung der Statistikbehörde. Frauen arbeiten dabei deutlich seltener als Männer überdurchschnittlich lang – bei den Frauen sind es rund vier, bei den Männern fast 15 Prozent. Das sei auf die geringere Frauenquote in Führungspositionen zurückzuführen.

Besonders bei Führungskräften sind überlange Arbeitszeiten weit verbreitet: 38,5 Prozent arbeiteten normalerweise mehr als 48 Stunden. Jede fünfte Führungskraft ist sogar 60 Stunden und mehr im Dienst.

Ältere arbeiten länger
Der Führungskräfteanteil macht sich auch bei den Arbeitszeiten in den unterschiedlichen Altersgruppen bemerkbar. Hier gilt zusammenfassend: Je älter desto länger die Arbeitszeit. Während nur 1,8 Prozent bei den 15-24-jährigen und 7,8 Prozent der 25 bis 34-jährigen mehr als 48 Stunden am Arbeitsplatz verbringen, sind 11,8% aller über 34-jährigen Erwerbstätigen von überlangen Arbeitszeiten betroffen.

Zugenommen hat auch der Anteil von Wochenendarbeit. Der Anteil der Erwerbstätigen, die samstags arbeiten, stieg von 21 auf 25 Prozent. Sonntags mussten 13 gegenüber zehn Prozent den Weg zum Arbeitsplatz antreten. Dazu habe die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten beigetragen, so die Vermutung der Statistiker.

Im internationalen Vergleich hat Deutschland nach dem Datenmaterial des Statistischen Bundesamtes eine relativ geringe Arbeitszeit. Der Mittelwert betrug 2009 jährlich 1.281 Stunden je Arbeitnehmer und 1.390 Stunden bei den Erwerbstätigen. Im EU-Durchschnitt lag die mittlere Arbeitszeit eines Erwerbstätigen bei 1.994 Stunden. Die Differenz von
604 Stunden hänge dabei auch mit dem vergleichsweise hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigten
in Deutschland zusammen, heißt es in der Studie.

Im Jahr 2009 sei ein beispielloser Rückgang der jährlichen Arbeitszeit, die seit dem Jahr 2000 nahezu konstant war, zu beobachten gewesen. Als Grund dafür ist die Wirtschafts- und Finanzkrise genannt, vor allem der starke Anstieg der Kurzarbeit, der Abbau von Überstunden und die Nutzung flexibler Arbeitszeitregelungen hätten diesen Effekt verursacht. 

Quelle:
PM Destatis v. 28.09.2010, Studie "Qualität der Arbeit"

© arbeitsrecht.de - (mst)

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