Arbeit & Politik

Erster Probelauf mit anonymisierten Bewerbungen

Zwei deutsche Ministerien wollen aufgrund einer entsprechende Initiative der Antidiskriminierungsstelle des Bundes Stellen künftig mit Hilfe anonymisierter Bewerbungen besetzen. Damit soll die Chancengleichheit verbessert werden.

Das Bundesfamilienministerium und das nordrhein-westfälische Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales planen, Hinweise auf Alter, Geschlecht, Familie und ethnische Wurzeln in Bewerbungsunterlagen möglichst unkenntlich zu machen. Ausschließlich die Qualifikation einer Bewerberin oder eines Bewerbers sollen daraus hervorgehen.

Dies soll die Bewerbungschancen für Menschen erhöhen, die normalerweise deutlich verminderte Chancen haben, überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden: über 50-Jährige zum Beispiel, Eltern kleiner Kinder oder Migranten.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) lässt derzeit Erfahrungen wissenschaftlich untersuchen, die andere Länder mit dieser Form der Bewerbung gesammelt haben. In den USA sind teilanonymisierte Bewerbungen bereits Standard – dort sind allerdings die Namen der Bewerber lesbar –, auch in der Schweiz und Frankreich werden sie erprobt. Für einen Praxistest in Deutschland hat die ADS bereits fünf große Unternehmen gewonnen, die Ende August an die Öffentlichkeit gehen wollen. Der Versuch soll vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit wissenschaftlich begleitet werden.

Zur Begründung sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle: "Türkischstämmige Bewerberinnen und Bewerber beispielsweise werden von Personalverantwortlichen zum Teil eklatant benachteiligt. Allein ein türkischer Nachname reicht laut einer Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), die Chancen um 14 Prozent sinken zu klassen. In kleineren Firmen sind es sogar 24 Prozent. Der Grund sind Vorurteile und fehlende Erfahrungen der Personalverantwortlichen."

Wie das anonyme Bewerbungsverfahren praktisch aussehen soll, wollen die Beteiligten am 24. August diskutieren. Dann treffen sich die beteiligten Unternehmen und Behörden mit den Bonner Forschern auf Einladung der ADS am Runden Tisch.

Kritik kommt derweil aus den Reihen der Arbeitgeber. "Die Forderung danach konterkariert die Bemühungen der Unternehmen um Vielfalt in den Belegschaften", heißt es in einer Stellungnahme des Arbeitgeberverbands BDA.

In vielen Firmen gehöre es fest zur Unternehmenskultur, die Vielfalt zu fördern, schreibt die BDA über das sogenannte "Diversity Management". Ohnehin könne aus Angaben im Lebenslauf zu Ausbildungszeiten, Berufserfahrung und Sprachkenntnissen auf bestimmte Merkmale geschlossen werden. "Würde man aber alle persönlichen Angaben anonymisieren, wären die Bewerbungsunterlagen nicht mehr aussagekräftig."

Quelle:
www.antidiskriminierungsstelle.de/Eigener Beitrag

© arbeitsrecht.de – (ts)

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