Arbeit & Politik

Jobbewerber – freiwillig gläsern?

Immer mehr Personalverantwortliche setzen auf soziale Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ, um an Informationen über ihre Bewerber zu kommen. Die Selbstdarstellung im Netz hat für Jobsuchende nicht nur Vorteile.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Christine Lüders, fordert seit Monaten anonymisierte Lebensläufe in Bewerbungsverfahren. Im Lebenslauf soll weder ein Foto zu sehen sein, noch Name, Adresse, Geburtsdatum oder Familienstand daraus hervorgehen. Das ehrgeizige Ziel: Chancengleichheit.

Doch Lüders hat im Kampf gegen Diskriminierung ihre Rechnung scheinbar ohne die Nutzer der sozialen Netzwerke gemacht. Denn die stellen bereitwillig so ziemlich alles ins Netz, was andere interessieren könnte – und sei es noch so privat. Vom Bikinifoto bis zur Info über die Lieblingsbeschäftigung, finden Personaler alles, was das Herz begehrt, um einen Bewerber zum Vorstellungsgespräch einzuladen. Oder Anschreiben samt Unterlagen direkt im Papierkorb abzulegen.

39 Prozent der Personaler von 548 befragten Unternehmen aus Deutschland haben im Jahr 2009 soziale Netzwerke genutzt. Das ist das Ergebnis der Befragung "Social Media Report HR 2010", die der Personalmarketingexperte Thorsten zur Jacobsmühlen durchgeführt hat. Europaweit sollen sogar fast die Hälfte der Arbeitgeber in sozialen Netzwerken ihre Bewerber überprüfen, schätzen EU-Datenschützer aufgrund einer Studie, die im vergangenen Jahr anlässlich des EU-Datenschutztages veröffentlicht wurde.

Für dieses Jahr prognostiziert zur Jacobsmühlen, dass die Hälfte der Unternehmen auf Internet-Netzwerke zugreifen wird. Von den Befragten hatten fast 60 Prozent schon einmal online die Reputation eines Bewerbes überprüft. Dass sie einen Jobsuchenden daraufhin ablehnten, haben 38 der deutschen Teilnehmer zugegeben. Die EU-Studie geht von einem wesentlich höheren Anteil aus – 16 Prozent der deutschen Personaler soll danach Nein zu Bewerbern sagen, nachdem sie deren Profile angeschaut haben.

Dass die Selbstdarstellung im Internet Einfluss auf ihre Karrierechancen hat, vermuten die wenigsten Bewerber. Laut EU-Studie sind sich in Deutschland nur 13 Prozent der Nutzer von sozialen Netzwerken bewusst, welche Auswirkungen ihr Umgang mit den eigenen persönlichen Daten haben kann.

Die Psychologin Juliane Stopfer von der Uni Mainz hat im Rahmen eines internationalen Projekts herausgefunden, dass sich anhand der Profile in sozialen Netzwerken sehr genaue Persönlichkeitsurteile erstellen lassen. Die Tests mit Probanden haben zum Beispiel ergeben, dass die Anzahl von Fotos, Freunden und Verlinkungen auf der Profilseite auf Geselligkeit schließen lassen und darauf, wie gesprächig jemand ist.

Für Bewerber bedeutet das, sich genau zu überlegen, wie die eigene Internetpräsentation im sozialen Netzwerk aussehen soll. 

Mehr zur Online-Recherche von Arbeitgebern gibt's hier.

Quelle:
Social Media Report HR 2010, eigene Recherche

© arbeitsrecht.de – (mst)

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